Message SEIT 1986 DAS ÄLTESTE QUEERE MAGAZIN DER SCHWEIZ – JUNI 2025 CHF 8.10KUNST, KULTUR & LEBENSSTIL FÜR DIE LGBT*-COMMUNITY4 Pride Pride Pride Feiern für den Fortschritt 8 Thomas-Mann-Jubiläum Feiern eines Nobelpreisträgers24 Papst Leo XIV. Feiern, dass es besser wird?
ZRC RD,LNIIS,CMUIYBHE RIA,2.JN,2:0URDEVRNTLUGRIEMTENRADRNSCTAFKLU,EEGIS N IGAHEartischock.netQER UEDAZPIR DRDSRMNET
4 GESELLSCHAFT PRIDE 8 KULTUR THOMAS MANN13 STREAMING-TIPP JUST LIKE THAT 14 GESELLSCHAFT KONVERSIONSBEHANDLUNGEN17 KOLUMNE MARIANNE WEISSBERG22 KULTUR QUEERE PERSPEKTIVEN AUF DAS DEKORATIVE 22 KOLUMNE MICHI RÜEGG24 RELIGION DER NEUE PAPST26 SERIE HOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATUR 30 PRIDE 2025 DIE GESCHICHTE DER PRIDE-FLAGGE32 LISTICLE 10 GRÜNDE PRO UND KONTRA PRIDE34 RATGEBER DR. GAYCRUISER MAGAZIN PRINTISSN 1420-214x (1986 – 1998) | ISSN 1422-9269 (1998 – 2000) | ISSN 2235-7203 (Ab 2000) Herausgeber & Verleger medienHay GmbHInfos an die Redaktion redaktion@cruisermagazin.chChefredaktor Haymo Empl Stv. Chefredaktorin Birgit Kawohl Bildredaktion Haymo Empl Alle Bilder mit Genehmigung der Urheber*innen.Art Direktion Lili WagnerAutor*innen Haymo Empl, M. H. Elyopa, Birgit Kawohl, Michi Rüegg, Alain Sorel, Marianne WeissbergKorrektorat | Lektorat Birgit KawohlHinweis: Artikel, die mit «Team Cruiser» gekennzeichnet sind, stellen in der Regel bezahlte Empfehlungen (Publireportagen) der Redaktion dar.Anzeigen anzeigen@cruisermagazin.chChristina Kipshoven | Telefon +41 (0)31 534 18 30Druck werk zwei Print+Medien Konstanz GmbHREDAKTION UND VERLAGSADRESSECruiser | Clausiusstrasse 42, 8006 Zürichredaktion@cruisermagazin.chHaftungsausschluss, Gerichtsstand und weiterführende Angaben auf www.cruisermagazin.ch Der nächste Cruiser erscheint am 14. Juli 2025Unsere Kolumnist*innen widerspiegeln nicht die Meinung der Redaktion. Sie sind in der Themenwahl, politischer /religiöser Gesinnung sowie der Wortwahl im Rahmen der Gesetzgebung frei. Wir vom Cruiser setzen auf eine grösst mögliche Diversität in Bezug auf Gender und Sexualität sowie die Auseinandersetzung mit diesen Themen. Wir vermeiden darum sprachliche Eingriffe in die Formulierungen unserer Autor*innen. Die von den Schreibenden gewählten Bezeichnungen können daher zum Teil von herkömmlichen Schreibweisen abweichen. Geschlechtspronomen werden ent spre chend implizit eingesetzt, der Oberbegriff Trans* beinhaltet die ent- sprechenden Bezeichnungen gemäss Medienguide «Transgender Network Schweiz».Cruiser wurde als einzige LGBT*-Publikation als «kulturell relevant» eingestuft und wird daher in der Schweize rischen Nationalbibliothek, der ZB Zürich sowie in der deutschen Nationalbibliothek archi viert. Cruiser ist zudem via SMD (schweizerische Mediendatenbank) allen Medienschaffenden zugänglich.Raik schwenkt die Regenbogenfahne ausgelassen und weiss, dass es noch einige Anstrengungen braucht, damit sich Toleranz überall etabliert. IMPRESSUM EDITORIALLiebe Leser*innen Die USA verbieten seit Anfang des Jahres Regenbogenflaggen und streichen massiv Gelder für Diversitätsprojekte, europäische Wirtschaftsunternehmen ziehen schnell nach, man will es sich ja nicht mit dem Big Boss verscherzen, Papst Leo XIV. entpuppt sich nach wenigen Tagen im Dienst bereits queerfeindlich (Familie «beruht auf der Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau»), Hate-Crimes nehmen zu und nicht ab… Es wird also Zeit aufzustehen, sich sichtbar und gross zu machen und für Toleranz und Gleichberechtigung zu kämpfen. Wann wäre das besser möglich als im Juni, wo man von Pride zu Pride ziehen und sich in angenehmer Atmosphäre mit netten Leuten engagieren kann. Wir haben uns auf den Seiten 4 – 7 und 30 – 32 dem Event gewidmet und freuen uns, wenn wir möglichst viele zum Mitmachen aktivieren können. Daneben kommt aber auch die Kultur nicht zu kurz, denn ein grosser schwuler Autor feiert dieses Jahr Jubiläum: Thomas Mann. Und wenn schon Playmobil eine Mann-Figur herausbringt, müssen wir vom Cruiser auch mal genauer hinschauen, was der Nobelpreisträger für eine Stellung in der queeren Community hat.Aber egal, wie ihr den Juni nutzt, seid freundlich zu euren Mitmenschen, es gibt schon genug Idioten.Viel Spass beim Lesen; Birgit ChefredaktorinZRC RD,LNIIS,CMUIYBHE RIA,2.JN,2:0URDEVRNTLUGRIEMTENRADRNSCTAFKLU,EEGIS N IGAHEartischock.netQER UEDAZPIR DRDSRMNET
Media © ChatGPT4GESELLSCHAFTPRIDE CRUISER JUNI 2025Die einen sprechen von Rainbowwashing, die anderen vom Kampf für Gerechtigkeit. Warum es auch 2025 die Prides unabhängig vom Marketing noch braucht.Pride undVorurteil Alles so schön bunt hier! Der Regenbogen sieht hübschaus, aber bringt das Ganzeauch etwas?
5GESELLSCHAFTPRIDE ANZEIGE5 CRUISER SommER 2017sliPPerySubjeCtSVoN MARTIN MüHLHEIMC oming-out-Filme gibt es mittlerweile viele, und entsprechend unterschied-lich kommen sie daher: leichtfüssig- komisch wie der britische Klassiker Beautiful ing (1996), eher nachdenklich wie das brasilianische Kleinod Seashore (2015), bisweilen auch zutiefst tragisch – so im israelischen Drama Du sollst nicht lieben (2009), das in der ultraorthodoxen Gemein-de in Jerusalem spielt.Angesichts solcher Unterschiede er-staunt es umso mehr, mit welcher Regel- mässigkeit uns Coming-out-Filme Jungs oder Männer zeigen, die – alleine, zu zweit oder in Gruppen – schwimmen gehen. Nun könnte man das natürlich als Zufall oder Neben-sächlichkeit abtun. Bei genauerem Nachden-ken zeigt sich allerdings, dass sich gleich mehrere Gründe für diese erstaunliche Häu-gkeit nden lassen.Nackte Haut ohne allzu viel SexEine erste, nur scheinbar oberächliche Er-klärung ist, dass (halb)entblösste Körper sich nicht bloss auf der Leinwand, sondern auch auf Filmpostern und DVD-Covern äus- serst gut machen. Schwimmszenen bieten ein perfektes Alibi für das Zeigen von nack-ter Haut: Sex sells, wie es so schön heisst.Warum «Alibi»? Weil man – gerade bei Filmen mit jungen Protagonisten – aufpas-sen muss: «Sex sells» mag zwar zutreen, aber allzu explizite Sexszenen können schnell mal zu hohen Altersfreigaben füh-ren. Dies wiederum möchten Filmemacher in der Regel vermeiden: Filme, die erst ab 18 freigegeben sind, lassen sich nämlich weni-ger einfach vermarkten. Auf Amazon.de zum Beispiel werden Filme mit Altersfreiga-be 18 nur an nachweislich volljährige Perso-nen verkau – und gerade für Coming- out-Filme, die sich auch an ein junges Publi-kum richten, ist dies sicher kein wünschens-werter Eekt.Schwimmszenen bieten hier eine per-fekte Kompromisslösung: Man kann nackte Haut lmisch ansprechend inszenieren, da-bei aber allzu heisse Techtelmechtel tugend-ha vermeiden (beispielsweise, indem der Wasserspiegel immer über der Gürtellinie bleibt, wie im niederländischen Film Jon-gens, 2014). Um das Rezept knapp zusam-menzufassen: Man nehme eine grosszügige Portion feuchter Erotik, eine vorsichtige Pri-se Sex – und um Himmels Willen kein Körn-chen Porno. Eingetaucht ins TrieblebenMan täte den lesBischwulen Filmemache-rInnen aber unrecht, wenn man ihre erzäh-lerischen Entscheidungen allein auf nan-zielles Kalkül reduzieren wollte. Es gibt nämlich auch ästhetisch-symbolische Grün-de, die Schwimmszenen für das Genre inter-essant machen. Da wäre zunächst die Funktion des Wassers als Symbol für das Unbewusste. Dieses Unbewusste, so weiss man spätestens seit Sigmund Freud, hat viel mit der Triebna-tur des Menschen zu tun – und so erstaunt es nicht, dass Hauptguren auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität sozusagen symbo-lisch in die Tiefen des Unbewussten eintau-chen müssen, um ihr gleichgeschlechtliches Begehren zu entdecken. Figuren in der SchwebeDarüber hinaus hat die Filmwissenschale-rin Franziska Heller in ihrem Buch über die Filmästhetik des Fluiden (2010) gezeigt, dass schwimmende Figuren immer wieder als «schwebende Körper» inszeniert werden: o in Zeitlupe und seltsam herausgelöst aus dem sonst zielstrebig voranschreitenden Erzählprozess. Dieser Schwebezustand wie-derum ist eine wunderbare visuelle Meta-pher für die Phase kurz vor dem Coming-out: Man ist nicht mehr der oder die Alte, aber auch noch nicht ganz in der neuen Identität angekommen. Ein Film macht das Schweben sogar explizit zum ema: In Kinder Gottes aus dem Jahr 2010 zeigt Romeo dem neuro-tisch-verklemmten Johnny, wie befreiend das «Floating» im Meer sein kann.Neben der Inszenierung von Schwebe-zuständen und dem Wasser als Symbol für das Unbewusste ist drittens das Motiv von ➔ Filme, die ersT ab 18 FreiGeGeben sind, lassen sicH nämlicH WeniGer einFacH VermarKTen.ANZEIGE«Was geht mich meine Gesundheit an!» Wilhelm Nietzsche Wir sind die erste Adresse für diskrete Beratung in allen Gesundheitsfragen.Stampfenbachstr. 7, 8001 Zürich, Tel. 044 252 44 20, Fax 044 252 44 21 leonhards-apotheke@bluewin.ch, www.leonhards.apotheke.chIhr Gesundh eits-Coach .rz_TP_Leonhards_Apotheke_210x93.3_Cruiser_4c_280317.indd 1 28.03.2017 10:07:37VON BIRGIT KAWOHLBald ist es wieder soweit: Engagierte Queers reisen von Stadt zu Stadt, um möglichst viele Prides mitzuerleben, um für Gleichheit und Toleranz zu kämpfen, aber auch um Spass zu haben und ausgelas-sen zu feiern. Schliesslich ist der ESC für die-ses Jahr ja bereits Geschichte und wann soll man nun um Himmels Willen wieder mal den Glitzerfummel tragen oder sich unsterb-lich für eine Nacht verlieben, ohne dass es danach (allzu grosses) Drama gibt?Einhergehend mit den diversen Reise-plänen ploppen in vielen Läden an präsenten oder teils merkwürdigen Stellen Produkte auf, die entgegen ihrem sonstigen Aussehen plötzlich mit Regenbögen geschmückt sind. Sei es eine Hautcreme, ein Uhrenarmband, Haferocken oder unzählige Einkaufsta-schen. Ist das nun echtes Engagement oder ein perder Werbecoup mehr oder weniger schlauer Marketingexpert*innen?Stets lauert der VorwurfDen Ursprung hat die heutige Kritik an Un-ternehmen, die (vor allem zu Zeiten der Pri-des) plötzlich als tolerant und divers daher-kommen und dies auch deutlich zeigen, im Jahr 20026. Damals kreierte man den Begri des «Pinkwashing». Anlass war der Vorwurf gegen Israel, dass das staatliche Engage-ment für Queers nur zur Vertuschung politi-scher Probleme, massgeblich zur Ablenkung vom (damals schon aktuellen) Palästina-Konikt diene. In den folgenden Jahren lös-te sich zwar nicht der Palästina-Konikt, aber clevere Unternehmen sahen ihre Chance, u. a. mit einem Auftritt an einer Pride, deren Sponsoring oder dem Produ-zieren von Produkten mit queeren Symbo-len hip, tolerant und demokratisch zu wir-ken. Fortan zierte das Symbol aller Prides, der Regenbogen, mehr oder weniger sinn-voll Produkte, die man sich irgendwie in queeren Händen vorstellen konnte: eben Hautcremes, Uhrenarmbänder oder Ein-kaufstaschen. Mittlerweile tragen viele Menschen, die mit Queerness nicht unbe-dingt viel am Hut haben, ebendiese Produk-te, weil der Regenbogen – unabhängig von seiner queeren Symbolkraft – einfach ein schönes Bild ist. Wegen des Regenbogens als Hauptsymbol spricht man inzwischen, genauer seit der Fussball-EM der Männer 2021 in Deutschland, von Rainbowwashing.Wem nutzt die WerbungAuch in diesem Jahr wurde bei den Apple-News vom 5. Mai stolz mitgeteilt, dass man sich freue, nun die Pride-Collection 2025 vorstellen zu können. «Vor dem Pride Month präsentiert Apple ein neues Apple Watch Pride Edition Sportarmband, ein Zierblatt sowie Hintergrundbilder für iPhone und iPad, um die Stärke und Schönheit der LGBT*-Communities auf der ganzen Welt zu feiern. Das Pride Edition Sportarmband «Die Regenbogenflagge bedeutet mehr, als dass ich Schwule und Lesben akzeptiere in ihrer Lebensweise, es geht vor allem um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt.» Prof. Dr. Katja Sabisch, Soziologin und Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität-Bochum➔Man möchte aus vollem Herzen «bullshit» schreien. Und doch: Ist Sichtbarkeit nicht der Anfang von Veränderungen?
Media © ChatGPT / Shutterstock6GESELLSCHAFTPRIDECRUISER JUNI 2025kann ab heute bestellt werden, das passen-de dynamische Zierblatt und die Hinter-grundbilder werden mit einem kommen-den Software-Update verfügbar sein.» Also Leute: Dated eure Apple-Watches ink up, damit ihr das pride Zierblatt geniessen könnt!Die Kampagne, die es seit 2018 (schon so lange oder erst seitdem?) gibt, bringt jedes Jahr pünktlich zur Pride-Saison Arm-bänder und Zierblätter im Pride-Design heraus. Aber mal ehrlich: Braucht das die Community wirklich? Hilft uns ein Regen-bogen-Armband – im Schweizer-Apple-Shop immerhin für CHF 49? – um Hate-crimes zu minimieren? Werden Menschen toleranter, wenn mein Zierblatt nun bunt statt funktional ausschaut? Man möchte aus vollem Herzen «bullshit» schreien. Und doch: Ist Sichtbarkeit nicht der Anfang von Veränderungen? Ist nicht das dauernde Konfrontieren nützlich oder gar notwendig im Kampf für mehr Sichtbarkeit? Nach dem Motto «Steter Tropfen höhlt den Stein»? Repräsentanten und Vorbilder fehlenChannel 4 hat bereits im Jahr 2019 bei einer Untersuchung zur Sichtbarkeit von Queers festgestellt, dass diese in der Werbung mas-siv unterrepäsentiert sind. Wenn sie dann überhaupt auftauchen, stecken die Darstel-lungen oft voller Klischees. Daher kann es auf keinen Fall schaden, möglichst viele und nicht-stereotype Auftritte nicht hetero-normativer Personen in der Gesellschaft und damit auch in der Werbung zu zeigen.Natürlich ist das ema «Rainbowwa-shing» mittlerweile relativ gut erforscht und so hat das Marktforschungsinstitut Nielsen festgestellt, dass immerhin rund zwei Drit-tel der Verbraucher sagen, dass sie eher bei Marken kaufen, die Kampagnen zur Förde-rung von Vielfalt und Unterstützung der queeren Gemeinschaft, Frauen und Min-derheiten durchführen. Die Hälfte erwar-tet, dass die Marken, die Anliegen, die ih-nen wichtig sind, unterstützen – in Taten, nicht nur in Worten. Andere Untersuchun-gen sprechen sogar von Anteilen von nahe-zu 90% bei der Frage nach der Wichtigkeit der Authentizität von Unternehmen.Channel 4 hat bereits im Jahr 2019 bei einer Untersuchung zur Sichtbarkeit von Queers festge-stellt, dass diese in der Werbung massiv unterrepäsentiert sind. Wenn sie dann überhaupt auftau-chen, stecken die Darstellungen oft voller Klischees. Für die Unternehmen hingegen zählt oftmals nur der eigene Gewinn. Und der lockt in der LGBT*-Community oensicht-lich besonders. Immerhin erfüllen viele Schwule das Klischee, mehr als Heteros auf ihr Aussehen zu achten, zudem verfügen Queers im Schnitt über ein höheres Netto-einkommen als Heteros und haben häug schon deswegen mehr Geld zur Verfügung, weil sie weniger Kinder zu versorgen haben.Die Verbindung von Trump und PridesWie verlogen das Ganze aber ist, merkt man spätestens dann, wenn man sich anschaut, wo denn das T-Shirt mit Regenbogen oder die beworbene Jeans hergestellt wurden. Leider ist es gar nicht so selten, dass man hier auf Länder setzt, die es mit LGBT*-Rechten nicht besonders ernst nehmen oder diese sogar komplett negieren. «Aber die Produktionskosten», hört man schon den CEO stöhnen. Am Arsch, möchte man ihm*ihr entgegnen, entweder Engagement oder eben nicht.Wie verlogen das Ganze aber ist, merkt man spätestens dann, wenn man sich anschaut, wo denn das T-Shirt mit Regenbogen oder die beworbene Jeans her- gestellt wurden. Leider ist es gar nicht so selten, dass man hier auf Länder setzt, die es mit LGBT*-Rechten nicht besonders ernst nehmen oder diese sogar komplett negieren. «Es ist besser, gar keine Flagge zu zeigen, als Pinkwashing zu betreiben..» Rani Daniel Reschke, Unternehmensberater im Bereich Diversity, Equity und Inclusion, Personalstrategie und HRAnliegen oder Marketingcoup? So wie die Security guckt, möchte man aber sowieso nicht eintreten.
7CRUISER JUNI 2025GESELLSCHAFTPRIDEMedia © ChatGPT / ShutterstockWenn die bunten Wagen durch die Stadt ziehen, muss man einfach mitfeiern. Das Diskutieren und Protestieren geschieht dann von selbst.Politik, wirtschaftliche Erwartungen und Engagement hängen allerdings mittler-weile extrem eng zusammen. Das merken letztendlich auch die Pride-Organisator- *innen in diesem Jahr. Nachdem der allzeit umtriebige US-Präsident im Januar ein De-kret unterzeichnet hat, dass den US-Bun-desbehörden die Finanzierung von Pro-grammen verbietet, die sich für Inklusion, Vielfalt und Gleichstellung einsetzen, ha-ben einige US-Unternehmen, die im ver-gangenen Jahr noch Prides unterstützt ha-ben, dieses Sponsoring für 2025 abgesagt. Andere Unternehmen haben aufgrund öko-nomischer Unsicherheit (wer weiss schon, wie sich Zölle und andere Einschränkungen letztendlich auswirken werden?) ihre Wer-beetats nochmals heruntergefahren, sodass letztendlich viele Prides inzwischen nicht mehr wissen, ob es sie nächstes Jahr noch geben wird. Im deutschsprachigen Raum sind die Veranstaltungen für dieses Jahr wohl weitgehend gesichert, aber danach? Alleine in Berlin sind die Sponsorenbeträge um 200’000 € zurückgegangen. Das muss erst einmal eingespart werden.Zugleich wird es aber gerade wegen eben solcher Dekrete wie das des US-Präsi-denten immer wichtiger, sichtbar zu bleiben. Wenn man sieht, dass Bücher auf den Index kommen, weil sie angeblich jugendgefähr-dend sind oder dass Pride-Flaggen in den USA verboten werden, fragt man sich schon, wo das noch enden soll und ob wir nicht jetzt langsam alle aufstehen müssen, um unser aller Rechte zumindest zu erhalten.P.S. Hat jemand gemerkt, dass dies ein Pride-Artikel ist, in dem kein einziges Mal der Stonewall Inn vorkommt?
8KULTURTHOMAS MANNCRUISER JUNI 2025Dieses Jahr wird ein Doppeljubiläum – 150. Geburtstag und 70. Todestag – des grossen Autors gefeiert. Zeit, sich ihm auch im Cruiser zu widmen.Thomas-Mann- Jubiläumsjahr VON BIRGIT KAWOHLDank des Jubiläums am 6. Juni (150. Geburtstag) und am 12. August (70. Todestag) blickt einem omas Mann in letzter Zeit nahezu überall entgegen. Wir haben daher mal herumgefragt, wie Be-kannte so zu ihm stehen. «Ich musste mich in der Schule ganz furchtbar durch die ‹Buddenbrooks› quä-len, seitdem habe ich nie wieder etwas von omas Mann gelesen.», so ein Nachbar. Oder aber ein befreundeter Buchhändler: «Ich liebe omas Mann. Den ‹Zauberberg› habe ich mir jetzt in der wunderschönen neuen Ausgabe mit dem blauen Schnitt ge-kauft, das Buch liegt auf meinem Nachttisch und wartet darauf, gelesen zu werden.» Die Cruiser-Redaktion ist sich ebenfalls nicht einig. Von «klar habe ich ganz viel von o-mas Mann gelesen» bis zu «wie kann man nur so etwas Langweiliges anfassen», gehen auch hier die Meinungen weit auseinander. Dieses kurze Potpourri zeigt ziemlich stim-mig, wie es um omas Mann im Jahr 2025 steht: Man kennt ihn und man hat sich so seine Meinung gebildet. Und diese ist nicht immer unbedingt positiv. Schwierige AnfängeDas trit auch relativ gut auf die Zeitgenos-sen und deren Bewertung Manns zu. Weder sein Bruder Heinrich, der immer irgendwie sowohl sein grösstes Vorbild als auch sein grösster Konkurrent war, noch die Verlage oder Leser*innen standen allzeit rundum zu ihm. Die Anfänge seiner schriftstelleri-schen Karriere waren holprig (wie seine schulische Laufbahn, die von mehrmali-gem Sitzenbleiben unterbrochen war) und von Rückschlägen gekennzeichnet, viele fanden seine Texte zu anstrengend. Kein Wunder, denn omas Mann ist, wie Kers-tin Holzer in «omas Mann macht Ferien» urteilt, «der Stararchitekt stilistisch makel-loser Wendeltreppensätze». Genau das lässt vor allem heutige Leser*innen häug ver-zweifeln, kein Wunder, sind wir doch mehr-heitlich vor allem Kürzestsätze im Whats-App-Stil gewohnt.omas Mann war sich früh bewusst, dass es für ihn beruich nur den Weg des Schriftstellers geben konnte, auch wenn die Familie, gerade auch wegen seiner schlech-ten schulischen Leistungen, etwas anderes vorgesehen hatte.Die Vision vom Schriftsteller mag durchaus mit seinem grossen Bruder, eben jenem oben erwähnten Heinrich, zusam-menhängen, der früher Erfolg hatte, der selbstsicher war, was sein Leben, aber auch sein Schreiben anging. Der eine klare Posi-tion in Bezug auf Politik und auf seine Sexu-alität beziehen konnte. Bei omas war alles schwierig: Ein Schulversager, der hilf- und honungslos verliebt war.Thomas Mann war sich früh bewusst, dass es für ihn beruf-lich nur den Weg des Schrift- stellers geben konnte, auch wenn die Familie, gerade auch wegen seiner schlechten schulischen Leistungen, etwas anderes vor-gesehen hatte.Media © Wikimedia Commons / WikipediaSo kennt man ihn: Thomas Mann, der Dichter und Denker.
9KULTURTHOMAS MANN ANZEIGEPrEP für 49 CHFWir sind die günstigste Apotheke der Schweizswissprep.ch platz.chUnglückliche (Männer-)LiebeOliver Fischer hat dieser Liebe ein ganzes Buch («Man kann die Liebe nicht stärker er-leben») gewidmet und darin Paul Ehrenberg als das «Zentrum der Welt» für omas Mann bezeichnet. Der äusserlich immer tro-cken und kühl wirkende Mann eberte und litt an Nichtbeachtung durch seine gros- se Liebe. In einem Gedicht, dass er Paul auf der Rückseite eines Fotos von sich schickt, bezeichnet er sich selbst als «höchst man-gelhaft». Man kann dies sicherlich als Ironie einschätzen, aber enthält diese Bewertung nicht auch einen Grad an Ehrlichkeit? Je-denfalls spricht das Gedicht einem jungen Mann aus dem Herzen, der alles andere als selbstsicher ist, im Gegenteil, hier spricht je-mand, der mit sich, der Welt und der Liebe ringt.Auch wenn er bald in den heiligen Hafen der Ehe einfahren wird, die Ehe mit Katia wird am 11. Februar 1904 geschlossen und hält bis zum Tod, bleiben Zweifel und Sehnsüchte ein Leben lang bestehen. Äus- serlich scheinen die sechs Kinder (plus zwei Fehlgeburten) für eine deutliche Hetero- sexualität zu sprechen, im Inneren sieht es jedoch ganz anders aus. Diese verborgene Seite lebt omas Mann vor allem in seinem Werk aus, zum Beispiel im Schriftsteller Gustav von Aschenbach in der 1911 erschie-nenen Novelle «Der Tod in Venedig». Dazu stehen kann er nicht, ist er doch ganz anders erzogen worden. Im Gegensatz zu seinen Kindern kann er sich den Werten des Wil-helminischen Reiches in Bezug auf Sexuali-tät sein Leben lang nicht entziehen, im Gegenteil wie Norman Ohler in «Der Zau-berberg, die ganze Geschichte» festhält: «Stets war er auf er Flucht, vor sich selbst, seiner Homosexualität, den Wünschen sei-ner Frau, den Nöten seiner Kinder. So emp-fand er beispielsweise die Lebensweise seines ältesten Sohnes Klaus, der das Schwulsein oen zelebrierte, als etwas Be-drohliches. Dieser Argwohn gegen das Aus-leben der eigenen Begierden, seine internali-sierte Homophobie, veranlasste omas Mann sogar dazu, der Beerdigung von Klaus fernzubleiben […].»Der äusserlich immer trocken und kühl wirkende Mann fieberte und litt an Nichtbeachtung durch seine grosse Liebe. Durchbruch und ErfolgUnd doch kommt der Erfolg zumindest auf beruicher Ebene. Der zuerst von der Leser*innenschaft zögerlich angenomme-ne Familienroman «Die Buddenbrooks» schlägt nach dem Erscheinen eine einbän-digen Dünndruckausgabe beim Publikum ein. Auch die Kritiker*innen zeigen sich be-geistert, anders ist auch die Vergabe des Li-teraturnobelpreises im Jahr 1929 nicht zu erklären. Nach heutigen Vergabekriterien ist er ja noch fast ein wenig jung für diese Auszeichnung, danach werden weitere wichtige Werke erscheinen. Der 1924 veröf-fentlichte «Zauberberg» ist damals noch nicht in aller Munde, scheint aber die heuti-ge Schriftsteller*innengeneration viel mehr zu beschäftigen, als es die «Buddenbrooks» oder auch andere Werke des Autors taten. In jüngster Zeit erschienen mit Strunks «Zauberberg 2» und Keleytas »Heilung» zwei Romane, die sich Sanatoriumsaufent-halten widmen, oensichtlich ein höchst aktuelles ema. Genau daran erkennt man die wirk-lich grossen Schriftsteller*innen und Wer-ke: Sie sind zeitlos und haben uns über Ge-nerationen hinweg etwas zu sagen. Damit ein kräftiges «Happy Birthday, Tommie», wir hätten dir gewünscht, dass du weniger mit dir und vor allem mit deiner Sexualität gehadert hättest und damit vielleicht auch für deine (schwulen) Söhne ein besseres Vorbild hättest sein können. ➔Auch die Kritiker*innen zeigen sich begeistert, anders ist auch die Vergabe des Literaturnobel-preises im Jahr 1929 nicht zu erklären.
THOMAS MANN IM KINDERZIMMERWer kennt sie nicht, die berühmten Detek-tive aus Rocky Beach: Justus, Peter und Bob, noch besser bekannt als «Die drei ???». Die Älteren sind wahrscheinlich mit den Büchern aufgewachsen, die Jüngeren eher mit den Hörspielen. Doch ganz egal, über welches Medium man die Drei ken-nengelernt hat, man kommt danach kaum noch von ihnen los. Zum Thomas-Mann-Jubiläum hat sich der Kosmos Verlag nun ein besonderes Schmankerl überlegt: Justus, Peter und Bob begeben sich auf die Suche nach dem verschollenen Manuskript der «Budden-brooks». Was auf den ersten Blick etwas an der Haaren herbeigezogen zu sein scheint, macht auf den zweiten absolut Sinn, hat Thomas Mann doch während sei-nes Exils in den USA von 1942 bis 1952 doch in einer Villa in Los Angeles (Pacific Palisides) gelebt. Er selbst nannte das Ge-lände «Seven Palms». Wenn man das weiss, macht der Buchtitel und auch die Einmischung der drei Detektive Sinn und eröffnet einen vollkommen anderen Zu-gang zu Leben und Werk des Nobelpreis-trägers. Da die Geschichte in Zusammen-arbeit mit Fachleuten aus Lübeck und Los Angeles entstanden ist, ist sie historisch korrekt und trotzdem unterhaltsam, ob nun gehört oder gelesen.DIE GEZEICHNETE BIOGRAPHIEGraphic Novels haben sich mittlerweile in der Gesellschaft etabliert, zeugen sie näm-lich, im Unterschied zu den häufig belä-chelten und abschätzend betrachteten Co-mics, durchaus von literarischem Wert (wobei man dabei zahlreichen Comics ab-solut Unrecht tut, aber das ist ein anderes Thema). Graphic Novels jedenfalls nehmen sich vielen aktuellen, aber auch histori-schen oder ansonsten wertvollen Themen an. So darf natürlich zum Thomas-Mann-Jahr auch ein Band zum Nobelpreisträger nicht fehlen. Julian Voloj, Friedhelm Marx und Magdalena Adomeit haben sich hier-für ein einziges Jahr, 1949, ausgesucht. Das Jahr, in dem Thomas Mann nach Flucht und Exil zum ersten Mal nach Deutschland zurückkehrt. In ein Deutsch-land, das noch schwer unter den Kriegs-nachwehen leidet, in dem aber noch längst nicht alle Menschen vom nationalsozialisti-schen Denken «geheilt» sind. Dies ist im Prinzip eine gute Idee, über die Umsetzung kann man vielleicht geteilter Meinung sein, da der Band sich nicht recht zwischen Un-terhaltung und Wissensvermittlung ent-scheiden kann. Dies muss sich prinzipiell nicht ausschliessen, aber hier sind die Er-klärungen nicht wirklich in die Handlung integriert, sodass sie beim flüssigen Lesen UND EWIG WÄHRT DIE SCHLAFLOSIGKEITJulian Voloj u.a.: Thomas Mann 1949. Rückkehr in eine fremde Heimat. Knesebeck Verlag 2025.Preis CHF 36.90ISBN 978-3-95728-896-710CRUISER JUNI 2025KULTURTHOMAS MANNMarco Sonnleitner: Die drei ??? Das Geheimnis der sieben Palmen. Kosmos Verlag 2025.Preis CHF 18.90ISBN 978-3-440-17941-3und Blättern störend daherkommen. Für mit der Materie vertraute Leser*innen sind sie häufig überflüssig, für die unkundige Leserschaft ist das nicht chronologische Vorgehen verwirrend. Insgesamt also ein interessantes, aber nicht rundum geglücktes Projekt, das aber trotz allem frische Einblicke in diese Le-bensphase Manns bietet.War zu Thomas Manns Zeiten noch die Tuberkulose die Volkskrankheit Nummer eins, kommt man nicht umhin, dies heutzu-tage den vermeintlich allgegenwärtigen Schlafschwierigkeiten zuzuschreiben. Kein Abend, an dem nicht zig Mittelchen für die nicht ein- oder durchschlafen könnende Menschheit angepriesen werden. Wenn man sich – unvorsichtig – als Gutschläfer*in outet, ist man schnell zumindest ein bunter Hund, wenn nicht gar ein schwarzes Schaf. Der Protagonist in Timon Karl Kaleytas Ro-man, der es im vergangenen Jahr auf die Longlist des Deutschen Buchpreises ge-schafft hat, ist jedenfalls ein Mitglied der Mehrheit unserer Gesellschaft: Er kann nicht schlafen. Und zwar dauerhaft. Betrof-fene können schnell nachempfinden, wie einem durch Schlaflosigkeit das Leben aus den Fugen gerät. Der Protagonist begibt sich auf Anraten seiner Frau in die Klinik von Professor Trinkl, einem skurrilen Ge-schöpf, das auch aus der Feder von Tho-mas Mann stammen könnte. In der Klinik wird er begeistert, wenn auch mit we-nig Optimismus aufgenommen. Man ver-spricht keine schnelle Heilung, im Gegen-teil, an eine Entlassung ist nicht so schnell zu denken. Auch das erinnert an die Erleb-nisse des Hans Castorp aus dem «Zauber-berg» und zeigt zugleich, wie universell und aktuell das von Thomas Mann kreierte Su-jet ist. Dass es nach einigem Hin und Her doch noch zur Heilung kommt, hat unser Erzähler aber nicht dem Professor und des-sen Fähigkeiten zu verdanken.
ERFOLG IST EBEN DOCH NICHT ALLESÄhnlich wie Kaleyta hat Heinz Strunk, der im Jahr 2022 mit seinem Roman «Ein Sommer in Niendorf» lange in den Litera-tur-Bestsellerlisten stand, mit «Zauber-berg 2» eine Hommage an den grossen Thomas Mann geschaffen. Auch hier fin-den wir mit Jonas Heidbrink einen Prota-gonisten, der Probleme hat, einige von uns würden wohl sagen Luxusprobleme. Denn eigentlich kann man Heidbrink nur benei-den, muss er doch dank eines erfolgrei-chen Start-ups nicht mehr arbeiten. Trotz-dem fühlt er sich nicht wohl und so begibt er sich in ein teures, um nicht zu sagen schweineteures Sanatorium. Das Grund-schema des «Zauberbergs» behält Heinz Strunk bei, vor allem den auch bei Thomas Mann viel Zeit und Raum gegebenen Mahlzeiten widmet sich der Autor ausführ-lich. Durch den Strunk’schen Ton, der vie-len seiner Werke anhaftet, ist man als Leser*in sofort in der Absurdität der Klinik gefangen und man ahnt, dass der noch junge Patient dort nicht so schnell heraus-kommen wird, denn auch hier erfolgt, ähn-lich wie beim grossen Vorbild, nach einer kurzen Eingewöhnung schnell eine Assi-milierung, die dem Patienten den klaren Blick vernebelt. Strunk ist zwar weitaus we-niger philosophisch-literarisch, dafür aber ungeheuer unterhaltsam.Norman Ohler, der mit «Der totale Rausch», einer umfassenden Monographie über den Umgang mit Drogen im Nationalsozialis-mus und im Zweiten Weltkrieg, 2015 lange in der Spiegel-Bestsellerliste stand, findet in diesem Roman aus dem vergangenen Jahr einen weiteren Zugang zu Thomas Mann und seinem – zumindest momentan – wichtigsten Roman «Der Zauberberg» (die «Buddenbrooks» rangieren gefühlt nur mehr auf Platz zwei). Hier fährt ein Schrift-steller mit seiner pubertierenden Tochter in die Schweizer Berge nach Davos. Dort ist er ob der enormen Preise in den Schweizer Alpen (tja, wem sagt er das?) so geschockt, dass er sich eine Rechtfertigung und Fi-nanzierung dieser Ferientage sucht und mit dem Nachdenken über die Wandlung eines bettelarmen Bergdorfes in einen Ort der Genesung in einen mondänen Skiort findet. Dabei sind die Überlegungen, die Ohler seinen fiktiven Schriftsteller anstel-len lässt, enorm unterhaltsam. Man erfährt, ohne sich allerdings belehrt zu fühlen oder in einer Doku zu wähnen, einiges über die Entwicklung der Bekämpfung der Tuberku-lose mit zum Teil skurrilen Details. Zugleich kommt man dem «Zauberberg» nahe, den Ohler auch immer wieder auftreten lässt. Drumherum ist eine kleine Familienge-schichte gestrickt, die es fast gar nicht ge-braucht hätte.DIE GESCHICHTE HINTER DEM «ECHTEN» ZAUBERBERGTimon Karl Kaleyta: Heilung. Piper Verlag 2024.Preis CHF 29.90ISBN 978-3-492-07171-011KULTURTHOMAS MANNCRUISER JUNI 2025Heinz Strunk: Zauberberg 2. Rowohlt Verlag 2024.Preis CHF 34.90ISBN 978-3-498-00711-9Norman Ohler: Der Zauberberg, die ganze Geschichte. Diogenes Verlag 2024.Preis CHF 34.90ISBN 978-3-257-07318-8
12CRUISER JUNI 2025KULTURTHOMAS MANNMedia © SKY / © Home Box Office. All Rights Reserved / llinks: Thomas Mann, 1949DER TEGERNSEE ALS KREATIVER KRAFTORTNachdem Kerstin Holzer bereits mit ihren Werken zu Elisabeth und Monika Mann Aufsehen erregt hat, ist es nur folgerichtig, dass sich die Journalistin im Thomas Mann-Jubiläumsjahr dem Familienober-haupt widmet. Sie hat sich dafür für den knappen Zeitraum der Sommerferien der Familie am Tegernsee im Jahr 1918 ent-schieden. Die Entscheidung, lediglich we-nige Wochen herauszugreifen, ist ver-ständlich, da man ansonsten schnell in der Flut von Ereignissen, Gedanken und The-men versinkt. Andererseits birgt die Aus-wahl natürlich auch eine Gefahr, nämlich die der Beschränktheit, das Leben nicht als Ganzes zu sehen, wozu die Ferienwo-chen natürlich ihren Teil beitragen. Holzer entledigt sich ihrer Aufgabe gewohnt sou-verän, greift einzelne Ferienerlebnisse auf, vergisst dabei aber trotzdem nicht das restliche Leben. So wird immer wieder die Beziehung von Thomas zu seiner Ehefrau Katia thematisiert, die ihn wirklich – man mag sich das kaum vorstellen - «mein Reh» genannt hat, und die durchaus von seiner Neigung zum männlichen Geschlecht wusste, was sie auf erstaunlich souveräne Manier akzeptiert hat. Holzers Biographie-Ausschnitt ist sicherlich nicht so «gelehrt» Kerstin Holzer: Thomas Mann macht Ferien. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2025.Preis CHF 33.90ISBN 978-3-462-00671-1wie etwa «Teufels Bruder» von Matthias Lohre (siehe Cruiser-Buchtipp vom März), dafür aber leicht und unterhaltend ge-schrieben mit zugleich interessanten Ein-blicken in die Denk- und Lebenswelt des Nobelpreisträgers sowie der damaligen Zeit, aufgemacht rund um die Novelle «Herr und Hund».NACHHER WEISS MAN ALLESEs ist natürlich nicht die erste Biographie über Thomas Mann, die am 26. Mai bei dtv erschienen ist, aber die aktuellste und si-cherlich auch eine der besten. Der Litera-turwissenschaftler Tilmann Lahme hat sich bereits mit mehreren Werken zur Familie Mann einen Namen gemacht, nun also zum Jubiläumsjahr kommt diese umfassende Biographie auf den Markt. In ihr wird das Leben des Nobelpreisträgers von der Kind-heit bis zum Tod nahezu minutiös und doch gut les- und nachvollziehbar durchleuchtet. Lahme nimmt einen mit auf Reise in die Welt Manns, die sich durch viele Facetten auszeichnete. Hinzu kommen zahlreiche Fotos, z. B. von den Vorfahren, die noch-mals eine grössere Nähe herstellen. Besonders interessant sind auch die An-hänge, ein bisher nie gedruckter Essay von Susan Sontag («At Thomas Mann» / «Bei Thomas Mann») sowie zwei Briefe von Tho-mas Mann an seinen «engsten Jugend-freund», so die Einschätzung Lahmes, Otto Grautoff. Diese Briefe setzen sich u. a. mit einem der Lebensthemen Manns, der Ho-mosexualität, auseinander und sind damit sicherlich von besonderem Interesse, da man sich wohl immer wieder fragt, wie er sein Leben als (glücklicher) Familienvater und seine Sehnsucht zum männlichen Ge-schlecht vereinbaren konnte. Tilmann Lahmes Biographie ist sowohl für Mann-Neueinsteiger*innen sowie für Profis eine ideale Lektüre. Tilman Lahme: Thomas Mann. Ein Leben. dtv Verlag 2025.Preis CHF 39.90ISBN 978-3-423-28445-56 7Frankfurt Am Main 24. Juli 1949Thomas Mann besucht nach dem Krieg Deutschland - mit mulmigem Gefühl. In Frankfurt wird er vom Oberbürgermeister herzlich begrüsst. (Aus der Graphic Novel «Thomas Mann 1949»)
13STREAMING-TIPPJUST LIKE THAT Die neue Staffel aufsky.ch© Home Box Office. All Rights ReservedCarrie, Charlotte und Miranda sind zurück – mit mehr Queerness, mehr New York, mehr Leben. Jetzt exklusiv auf SKY.And just like that… we’re watching again. EMPFEHLUNG VON TEAM CRUISEREs war nie nur eine Serie über Schuhe, Cocktails und Dates – auch wenn wir sie dafür lieben. Seit «And Just Like at…» 2021 an den Start ging, hat sich das Kultformat von Sex and the City zu einem der spannendsten Serien-Reboots entwi-ckelt. Denn es geht längst um mehr: um das Älterwerden in einer Welt, die sich rasant verändert. Um Identität, queere Lebensrea-litäten und die Frage, wie man sich selbst treu bleibt – auch wenn sich alles um einen herum wandelt.Mit dem der eben gestarteten 3. Stael auf SKY bringt die Serie erneut einen sty- lishen wie emotionalen Reality-Check ins Wohnzimmer – und das mit Witz, Tiefe und einem Gespür für gesellschaftliche e-men, die unter die Haut gehen.Mehr Queerness, mehr SichtbarkeitBesonders stark: die queeren Erzählsträn-ge. Die Figur Che Diaz, gespielt von Sara Ramírez, sorgt nach wie vor für kontroverse Diskussionen – gerade weil sie unbequem, laut und kompromisslos ist. Eine nicht-bi-näre Stand-up-Comedian, die zeigt, wie komplex und vielfältig queere Erfahrungen heute sind. Auch Miranda (Cynthia Nixon), selbst oen lesbisch, setzt mit ihrer Figur neue Massstäbe für queere Repräsentation jenseits der Coming-out-Story.Doch auch abseits der grossen Schlag-zeilen überzeugt «And Just Like at…» durch Vielfalt: neue Figuren wie Professorin Nya Wallace oder Lisa Todd Wexley spiegeln eine Gesellschaft wider, in der nicht mehr nur die Perspektiven weisser Cis-Frauen zählen. Und dennoch bleibt die Serie ihren Wurzeln treu: Mode, New York, Freund-schaft – mit einem Schuss bittersüssem Re-alismus.Carrie schreibt weiter – und das Leben schreibt mitNatürlich ist Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) wieder der emotionale Mittelpunkt. Nach dem Verlust von Mr. Big in Stael 1 und der turbulenten Neuorientierung in Stael 2 steht Carrie nun an einem neuen Punkt im Leben. Die grosse Frage: Gibt es so etwas wie ein zweites Erwachsenwerden? Und wie lebt man es – zwischen Podcasts, Partys und Patchwork-Beziehungen?«And Just Like at…» beantwortet diese Fragen nicht mit einfachen Happy Ends, sondern mit Stil, Schmerz und einem Augenzwinkern. Die Serie ist damit genau das Richtige für alle, die wissen, dass Identi-tät nie abgeschlossen ist – sondern ein Pro-zess. AND JUST LIKE THAT... Die dritte Staffel von «And Just Like That...» ist auf SKY. Gestartet – jeden Freitag erscheint eine neue Folge; ausserdem sind Staffel 1 und 2 komplett auf Abruf verfügbar www.sky.ch. Alle Infos gibt es direkt hier:Media © SKY / © Home Box Office. All Rights Reserved / llinks: Thomas Mann, 1949CRUISER JUNI 2025
14CRUISER JUNI 2025GESELLSCHAFTKONVERSIONSBEHANDLUNGENGefährliche UmpolungsversucheEin aktueller Bericht aus den USA zeigt: Konversionstherapien sind längst nicht Vergangenheit.Media © FreepikVON HAYMO EMPLEs ist Mai 2025, als das US-Gesundheits-ministerium unter Donald Trump einen 400-seitigen Bericht vorlegt, der sogenannte «explorative erapien» als Antwort auf Geschlechtsdysphorie bei Ju-gendlichen empehlt. Wer genau hinschaut, erkennt darin eine alte Bekannte: die Kon-versionstherapie, getarnt in neuem Ge-wand. Mit vermeintlich neutralem Ton wird trans Jugendlichen nahegelegt, ihre Identi-tät kritisch zu hinterfragen. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Was weltweit von Fachge-sellschaften als schädlich eingestuft wird, erlebt in konservativen Kreisen ein Come-back. Auch in der Schweiz wird diskutiert, was erlaubt ist und was nicht. Zeit, genauer hinzuschauen.Was sind Konversionstherapien?Konversionstherapien sind Versuche, die se-xuelle Orientierung oder Geschlechtsidenti-Ob Beten gegen Homosexualität hilft? Nun ja, wir wissen, dass dem nicht so ist, viele versuchen es trotzdem.
15CRUISER APRIL 2025GESELLSCHAFTKONVERSIONSBEHANDLUNGEN ANZEIGEEure Bank für mehr Pride.Mit über 400 Engagements machen wir mehr für alle.Zum Beispiel als Co-Partnerin bei der Zürich Pride.zkb.ch/pridetät von Menschen zu ändern. Meist mit dem Ziel, aus schwul hetero zu machen oder aus trans wieder cis. Die Methoden reichen von Gesprächstherapien bis zu Gebeten, Exor-zismen oder gar Elektroschocks. Klingt nach dunkler Vergangenheit, aber genau das wur-de bis in die 90er-Jahre auch in der Schweiz praktiziert. Die Wurzeln reichen zurück in eine Zeit, in der Homosexualität als Krank-heit galt. Und obwohl diese Vorstellung längst widerlegt ist, geistern die Ideen wei-ter durch Freikirchen, Seelsorgegruppen und konservative Praxen.Die grössten Befürworter*innen kom-men aus religiösen Milieus – insbesondere aus evangelikalen Kreisen und fundamenta-listischen Bewegungen. In ihren Augen ist gleichgeschlechtliche Liebe nicht einfach eine Variante menschlicher Vielfalt, sondern ein Fehler, den es zu korrigieren gilt. Daraus entstehen dann vermeintlich «therapeuti-sche» Ansätze, die in Wahrheit nichts ande-res sind als Umpolungs- und Unterdrü-ckungsversuche. Die grösste christliche Organisation dieser Art, Exodus Internatio-nal, hat sich zwar 2013 oziell aufgelöst – samt öentlicher Entschuldigung an alle Opfer, doch viele kleinere Gruppen, auch in Europa, machen einfach unter anderem Na-men weiter.Schweizer RealitätenIn der Schweiz ist eine Konversionstherapie nicht explizit verboten. Immerhin: Der Kan-ton Wallis hat im Herbst 2024 ein Gesetz verabschiedet, das diese Praktiken unter-sagt. Genf, Waadt, Neuenburg und weitere Kantone sind ebenfalls vorangegangen. Auf Bundesebene tut sich wenig, obwohl Fach-verbände, Aktivist*innen und Betroene seit Jahren warnen. Das Problem: Viele die-ser «erapien» nden informell statt, in Wohnzimmern, Gebetskreisen, hinter ver-schlossenen Gemeindetüren. Es gibt keine oziellen Stellen, keine klaren Statistiken. Dafür umso mehr Leidensgeschichten.Lea Blattner erzählt im Tagesanzeiger, wie sie als junge Frau acht Jahre lang in ih-rer Freikirche versuchte, ihre lesbische Identität «wegzubeten». Von Exorzismen ist die Rede, von Gesprächen, die sie zuneh-mend in Selbsthass und Depression trieben. «Ich dachte, ich bin krank», sagt sie im In-terview. Erst als sie alles abbrach und sich selbst akzeptierte, fand sie zurück ins Le-ben. Heute engagiert sie sich politisch als Co-Präsidentin der Jungen EVP Schweiz In ihren Augen ist gleichge-schlechtliche Liebe nicht einfach eine Variante menschlicher Vielfalt, sondern ein Fehler, den es zu korrigieren gilt. ➔
16CRUISER JUNI 2025GESELLSCHAFTKONVERSIONSBEHANDLUNGEN und kämpft für mehr Aufklärung in Kir-chen. Ob nun die EVP die richtige Partei da-für ist, sei dahingestellt.Auch andere Betroene berichten von Gebetskreisen, in denen ihnen Dämonen ausgetrieben werden sollten – als wäre queere Identität Besessenheit. Die psychi-schen Folgen sind massiv: Angststörungen, Isolation, Verlust des Selbstwertgefühls. Umso wichtiger ist es, dass sich ehemalige Betroene heute öentlich äussern. Ihre Stimmen machen sichtbar, was lange im Verborgenen lag.Blick in die USAIn den USA ist die Rechtslage ein Flicken-teppich. In Kalifornien oder New York sind Konversionstherapien für Minderjährige verboten, in konservativen Bundesstaaten weiterhin erlaubt oder sogar gesetzlich ge-schützt. In Florida, Alabama oder Texas dürfen Städte nicht einmal eigene Verbote erlassen – dort wurde das per Gesetz unter-sagt. Der Supreme Court beschäftigt sich aktuell mit einem Fall aus Colorado, der Sig-nalwirkung haben könnte.Und währenddessen drückt die Trump-Regierung neue Regelungen durch, die geschlechtsarmierende Behandlun-gen für Jugendliche massiv einschränken. Oziell nennt man das «Kinderschutz», fak-tisch ist es ein Frontalangri auf trans Rech-te. Der HHS-Bericht vom Mai 2025 ist nur die Spitze des Eisbergs: Er propagiert erapien, die angeblich neutral sein sollen, aber in Wahrheit auf Identitätsverleugnung hinaus-laufen. Fachleute sprechen von einem Rück-fall in die dunkelsten Zeiten konservativer Moralpolitik.Was sagt die Wissenschaft?Klare Ansage: Konversionstherapien funk-tionieren nicht. Sie schaden. Studien zei-gen, dass Betroene deutlich häuger unter Depressionen, Angstzuständen und Suizid-gedanken leiden. Jugendliche, die solchen erapien ausgesetzt wurden, haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Suizid-versuche. Fachgesellschaften wie die APA, die WHO oder die Schweizer Fachstelle für Psychotherapie lehnen solche Methoden entschieden ab. Sie gelten als pseudowis-senschaftlich, unethisch und gefährlich.Selbst einige religiöse Gruppierungen distanzieren sich zunehmend. Die Evangeli-sche Allianz Schweiz rät ihren Mitgliedern mittlerweile davon ab, Konversionsversu-che zu unternehmen – auch wenn sie Homo-sexualität theologisch weiterhin ablehnt. Das zeigt: Auch in konservativen Milieus beginnt ein Umdenken.Aber ein Verbot allein reicht nicht. Es braucht Aufklärung, Schutzräume, Anlauf-stellen für Betroene und den Mut, über das ema zu sprechen. Wer glaubt, Konversi-onstherapien seien ein Randphänomen, täuscht sich. Sie nden statt. Auch hier. Auch heute. Und solange das so ist, bleibt unsere Aufgabe klar: hinhören, sichtbar machen, verbieten. Und denen den Rücken stärken, die sich gegen diese Umpolungsversuche wehren. Klare Ansage: Konversions- therapien funktionieren nicht. Sie schaden. Studien zeigen, dass Betroffene deutlich häufiger unter Depressionen, Angst- zuständen und Suizidgedanken leiden. Gesprächstherapien können helfen, mit einem Outing besser klarzukommen. Aber sie dürfen niemals die Orientierung leugnen.Media © Adobe Stock / rechts: © Marianne Weissberg
17CRUISER JUNI 2025KOLUMNEMARIANNE WEISSBERGHaben Sie auch fiese Frenemies?doch, murmelte ich und dachte an jene Freundschaft, die ich selbstverständlich als gut ansah, dann erstaunt und gekränkt war, als sich die andere Seite seltsam benahm. Klassiker: Ich wurde als Einzige aus der Cli-que nicht an eine rauschende Party eingela-den, was sie mir danach nonchalant unter die Nase hielt. Doppelte Taktlosigkeit. Für jene Trulla laufe ich also unter nicht gut ge-nug? Grrrr!! Und laufe und laufe…, denn Liebes- beziehungen können ja durch Tren-Freundschaft gilt als Lebenselixier. Was aber, wenn sich unter dem warmen Freundschafts-Mäntelchen Feindschaft verbirgt?VON MARIANNE WEISSBERG Kürzlich stiess ich auf einen Wissen-schafts-Artikel in der New York Times: über Freundschaft. Es ging um nagel-neue Erkenntnisse: Was Freundschaft mit den Involvierten mache, welche Auswirkun-gen sie auf die Lebensqualität habe. Näm-lich, Achtung, sehr oft negative! Also keine Lobhudelei, dass man unbedingt viele Freundschaften haben sollte, weil sowas eminent wichtig sei für die Lebensqualität. Das wird einem ja dauernd gepredigt. Aha, dachte ich’s mir doch: Freundschaften an sich sind kein Garant fürs ausgefüllte Leben. Wie viele Male hatte ich über vermeintlich enge Freundschaften gehirnt, war total frus-triert, weil ich ES einfach nicht verstand: Dass der Kontakt so unangenehm war. Ich mich nach einem Treen ausgelaugt fühlte. Merke: Da läuft etwas schief. Was mich besonders verblüte, war die Schlussfolgerung des Artikels: Oft glaubten an Freundschaft Beteiligte, dass sie gemocht würden, doch das sei in der Re-alität öfters anders. Die andere «Partei» be-trachte den Freund / die Freundin eher als unwichtig oder nicht angenehme Gesell-schaft. Deshalb, so die Forschenden, seien viele Freundschaften so verwirrend und be-lastend. Denn die Person, von der man viel erwarte, sei im krassesten Fall ein Feind, der ein herziges Freundschaftmäntelchen um-habe: also ein Frenemy. Aha, kenne ich Beste Freundinnen oder Frenemies? Frau Weissberg hat so das Gefühl, dass die zwei zickigen Tasten-Trullas sich im wahren Leben nicht mögen würden. Aha, dachte ich’s mir doch: Freundschaften an sich sind kein Garant fürs ausgefüllte Leben. ➔
18CRUISER JUNI 2025KOLUMNEMARIANNE WEISSBERGMedia © Marianne Weissbergnung / Scheidung beendet werden, mühseli-ge Freundschaften schleppen sich oft jahre-lang dahin, ein staatlich geregeltes Schei-dungs-Ritual existiert nicht. Etwa für jene Studien-Kollegin aus den Tagen, als wir um die zwanzig waren. Als sie Jahrzehnte spä-ter den Kontakt wiederaufnahm, weil sie all meine Bücher mit grosser Begeisterung lese, freute ich mich. Oh, eine Fanin, die zur echten Freundin wird. Das dauerte jedoch nur solange, wie ich für sie die Rolle der be-wunderten Autorin einnehmen durfte. Als dies in ihren Augen verblasste, benahm sie sich (wie passend) herablassend bis er-staunlich es. DER Filmklassiker: Ein Fan, der / die das Objekt der Bewunderung zu hassen beginnt, stalkt und – killt. Insofern habe ich ja noch Glück gehabt, dass sie mich endlich bloss ghostete. Huch. Jetzt kommt aber gleich Friend Harry, den wir in meiner Kolumne bereits als Fach-mann für Queerness in allen Lebenslagen kennen, zu Wort. Interessanterweise hatten Harry und ich auch so unsere Freund-schafts-Hochzeiten und -Krisen. Was habe ich ihn schon verucht, wenn ich mich nicht geschätzt fühlte. Drama Baby Drama!! Beid-seits. Es gab sogar längere Freundschafts-pausen, aber ich führe es auf eine gute Nähe- und Distanzbilanz zurück, dass wir uns immer wieder fanden. Wir können über denselben Schmarren lästern und lachen, aber auch Tiefgründiges echt ehrlich disku-tieren. Wie eben ema Freundschaft, wenn diese sauer wird. Siehe da, Harry war sicht-lich fasziniert: «Wieso ndest du denn das Frenemy-Dilemma so spannend? Kennst du sowas auch», bohrte ich. – Harry: «In der queeren Szene nden wir oft schnell zuein-ander, weil wir ähnliche Verletzungen oder Coming-out-Erfahrungen teilen. Das kann extrem verbindend sein – aber auch total überfordern. Als Beispiel der Klassiker: Ex plus Ex, plus bester Freund, plus Sexpartner = eine Gruppe, bei der keiner mehr weiss, wer wen wann geliebt, gehasst hat. Fast im-mer wird es irgendwann unangenehm, dann hässlich.» Wow, Harry, dachte ich, das klingt ja megaspannend. Grad ein Grund, neidisch zu sein auf so ein aufregendes Be-ziehungskuddelmuddel! Apropos Neid, Es wird ja stets gepre-digt, dass Freundschaften neidlos sein soll-ten. So ein Quatsch: Neid ist ein süges Ge-fühl, spornt an, wer in einer Freundschaft nicht zugeben kann: Hey, ich bin ja soo nei-disch, dass du den ESC gewonnen hast, ginggt dann gerne von hinten ans Schien-bein, voilà: Frenemytum in Reinkultur. Vielleicht ist die kleine Schweiz dafür be-sonders anfällig, Erfolg macht hier aus Friends allzu oft Frenemies. So hörte Harry neulich: «Du bist ja eigentlich gar nicht so eitel wie alle sagen!» – «Hä, da haben wir’s – ein Frenemy!», rief ich aus. Während ich hier schreibe, denke ich nach, wieso ich einige Frenemyschaften so laaange aushielt? Da muss doch meinerseits ein Zweck dahinterstecken? Eine Prise Ma-sochismus oder der Verdacht, dass mühsa-me Charaktere spannender sind als durch-gehend nette Leute (beides): Frenemies machen sich super als Romanguren, sie können in Kolumnen mitspielen, und man kann sich genüsslich über sie nerven, Ra-chegedanken aushecken. Überlegen, was man hätte antworten wollen / sollen / kön-nen auf eine Boshaftigkeit, statt bloss krampfhaft das Gesicht wahren zu wollen. Was aber, wenn eine Freundschaft derma-ssen ätzend ist – jedenfalls für die Seite, die alle Launen, Gemeinheiten, etc. zu ertragen hat – dass Nichthandeln, also Aushalten, schlicht fatal wäre? Was dann?Während ich hier schreibe, denke ich nach, wieso ich einige Frenemyschaften so laaange aushielt? Da muss doch meiner-seits ein Zweck dahinterstecken?DER Filmklassiker: Ein Fan, der / die das Objekt der Bewunderung zu hassen beginnt, stalkt und – killt. Insofern habe ich ja noch Glück gehabt, dass sie mich end-lich bloss ghostete. Huch.Schlussmachen, aber mit Stil! Auch eine schlechte Freundschaft sollte ordentlich beendet werden. Hier Frau Weissbergs Break-up-Brief.
19CRUISER JUNI 2025KOLUMNEMARIANNE WEISSBERGMARIANNE WEISSBERGist Historikerin / Anglistin, emsige Buchautorin, Bloggerin & Kolumnistin und schreibt gerne öfters für den CRUISER. Sie lebt zmitzt in Zürich, sehnt sich aber heimlich nach der Idylle in einem pinken Cottage in Cornwall. Bis dahin kann sie gerne hier besucht werden: www.marianneweissberg.ch«Hast du schon mal eine schwierige Freundschaft aktiv beendet?», fragte ich Harry. – «Ich bin ein höicher Feigling, also eher die Ghosting-Fraktion mit leiser Me-lancholie. Aber ich habe es auch schon oen ausgesprochen – und das war hart. Schwule Freundschaften sind oft wie gute, kostspie-lige Glitzerjacken. Du willst sie behalten, auch wenn sie drücken. Aber irgendwann hilft nur noch: Cut.» Mutig, Harry. Aller-dings fand er ebenfalls mutig, was ich neu-lich machte: Ich schrieb einer langjährigen «Frenemyette» einen Break-up-Letter. Ich hatte ihr erzählt, dass ich soeben einige Tage Schreibferien in einem charmanten Hotel in meiner eigenen Stadt gemacht hät-te. Sowas sei immer mein Traum gewesen. Nicht, dass sie mich gefragt hätte, wie es war, nein sie legte gleich los, wie dumm so-was sei, wer würde denn sowas Lächerliches machen. Ich erstarrte. Kennen Sie diesen Moment, wenn es einfach reicht!! So eine letzte Gemeinheit mehr, die Ihren «besten Frenemy» enttarnt. Ich setzte mich also hin, erklärte, wie-so sie diesen ultimativen Brief erhalte, mit-samt den aussagekräftigen Details. Be-dankte mich auch kurz für die guten Momente. Erklärte, dass alles hiermit ge-sagt sei. Dann druckte ich aus, ging zum Briefkasten und warf ein. A-Post. Ahhh, dieses Gefühl der Freiheit! Nach Jahrzehn-ten, in denen ich mich gepiesackt fühlte. Harry wollte übrigens noch wissen, ob sie geantwortet habe. Nein, das hätte ich auch nicht mehr gelesen. Und: Das Ganze hätte ich auch früher beenden können. Aber eben, vielleicht hat Freundschaft einiges mit Feigheit und Faulheit zu schaen, weil man nicht zu selten lieber in schlechter Ge-sellschaft sitzen bleibt, statt auch mal allei-ne klarzukommen zu wollen… Ein tolles Symbolbild für eine Freundschaft, in der sich eine Seite nicht frei entfalten darf.«Schwule Freundschaften sind oft wie gute, kostspielige Glitzer-jacken. Du willst sie behalten, auch wenn sie drücken. Aber irgendwann hilft nur noch: Cut.» Kennen Sie diesen Moment, wenn es einfach reicht!! So eine letzte Gemeinheit mehr, die Ihren «bes-ten Frenemy» enttarnt.
20CRUISER JUNI 202520CRUISER JUNI 2025KULTURQUEERE PERSPEKTIVEN AUF DAS DEKORATIVEOpulente Schau im MCBA Lausanne: «Décorama» vereint Ornament, queere Identität und Camp-Ästhetik zu einem sinnlich-kritischen Gesamterlebnis.Widerstand durch Ornament – wenn die Norm zerlegt wirdEMPFEHLUNG VON TEAM CRUISERAb Mitte Juni wird Lausanne zum Hot-spot queerer Kunst- und Diskursviel-falt: Das Musée cantonal des Beaux-Arts (MCBA) präsentiert mit «Jardin d’Hiver #3 – Décorama» eine Ausstellung, die sich nicht nur ästhetisch opulent zeigt, sondern auch inhaltlich aufregend vielschichtig ist. Die Schau vereint neun Kunstpositionen aus der Westschweiz und darüber hinaus, die sich mit Ornamentik, Dekor und Insze-nierung befassen – und das auf eine Weise, die Fragen nach Geschlecht, Begehren, Klasse und Sichtbarkeit in den Mittelpunkt rückt. Mehr als die Hälfte der beteiligten Künstler*innen bewegt sich im queeren Spektrum oder ist eng mit der Community verbunden.Mit dem Format «Jardin d’Hiver» hat das MCBA seit 2021 ein jährlich wiederkeh-rendes Ausstellungsformat etabliert, das auf kollaborative, kuratierte Gruppenausstel-lungen setzt. Der Fokus liegt auf der Förde-rung zeitgenössischer Kunst aus der Ro-mandie, verbunden mit einer thematischen Önung ins Internationale. Kuratorin Elise Lammer hat mit «Décorama» einen sinnli-chen wie politischen Blick auf das Orna-ment gewählt – als Stilmittel, aber auch als Strategie.Künstler*innen zwischen Camp, Körper und KritikIn der Ausstellung trit Camp auf Kritik, Oberäche auf Tiefe und Kitsch auf Kon-zeptkunst. Das queere Künstlerinnen-Duo Pauline Boudry & Renate Lorenz zeigt mit ihrem Kunstleder-Vorhang eine raumgrei-fende Installation zwischen Bühne, Protest und Erinnerung. Élie Autin, multidiszipli-näre Künstlerin aus Lausanne, thematisiert in ihren Performances uides Begehren und Körperbilder jenseits normativer Zu-schreibungen.Auch Julie Monot und Sarah Margnetti beschäftigen sich mit Fragen der Identität, Maskerade und Körpergrenzen. Ihre Werke verbinden Skulptur, Malerei und Inszenie-rung mit einer feinen queer-feministischen Lesbarkeit. Der britisch-französische Künst-ler Marc Camille Chaimowicz – dessen Werk als Grundinspiration der Schau gilt – wird posthum als poetischer Meister des Dekora-tiven geehrt. Seine Camp-Ästhetik und seine subtile Homoerotik machen ihn zu einer Referenzgur für queere Kunstgeschichte.Ornament als Widerstand«Décorama» stellt bewusst Praktiken ins Zentrum, die lange als «dekorativ» – und da-mit als minderwertig – abgewertet wurden. Die Ausstellung macht deutlich: Das Orna-ment ist ein ästhetischer Code, aber auch ein gesellschaftlicher Spiegel. Zwischen Tape-tenmustern, Pailletten, barocker Geste und Ironie entfaltet sich ein vielschichtiger Kommentar auf Normen und Abweichung, auf Genderzuschreibungen und ästhetische Machtverhältnisse.Ein Programm für alle SinneBegleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Rahmenprogramm: Füh-rungen, Workshops, ein Kinderatelier und ein Highlight für die queere Szene – der Per-formance-Abend am 4. September, kuratiert in Zusammenarbeit mit dem Arsenic – Cen-tre d’art scénique contemporain. Dort treten neben Élie Autin auch Künstler*innen wie Alizée Quinche, Ciel Sourdeau und stelios.exe auf.Mit «Décorama» wird das MCBA zum queer-feministischen Diskursraum, zum Spektakel und Reektionsort zugleich. Wer sich für Kunst interessiert, diese nicht nur anschaut, sondern zurückblickt, hinterfragt und inspiriert, sollte sich diese Ausstellung nicht entgehen lassen. Ein Must-See für den queeren Kunstsommer. Media © Pauline Boudry & Renate Lorenz. Bildnachweis: Michiel De CleeneJARDIN D’HIVER #3 – DÉCORAMAOrt: Musée cantonal des Beaux-Arts LausanneAusstellungsdauer: 13. Juni – 7. September 2025 Alle Infos: mcba.ch
21CRUISER JUNI 202521CRUISER JUNI 2025KULTURQUEERE PERSPEKTIVEN AUF DAS DEKORATIVEPauline Boudry & Renate Lorenz, Curtain Piece (disobedient), 2023. Installation aus Kunstleder, ca. 400 x 1200 cm.
CRUISER JUNI 202522VON MICHI RÜEGGVor ein paar Jahren, ich war damals frisch mit einem meiner heutigen Exen zusammen, waren wir gemein-sam an einer Hochzeit. Eine seiner diversen Cousinen heiratete den Sohn der Nachbarn aus dem Dorf. Oder so. Jedenfalls bat die Braut meinen damaligen Freund, in der Kirche zu singen, da sich in der Familie her-umgesprochen hatte, er könne das. Und weil man sich so eine Band sparen konnte. Zusammen mit einem Kumpel, der Gitarre spielte, gab er also während der Trauungs-zeremonie etwas zum Besten. Ich sass auf einer der Holzbänke, vorne war Jesus ans Kreuz genagelt und weil es so heiss war, schaute er besonders abgehangen drein. Kaiserwetter. Die Tanten zupften zur Belüftung an ihren Kleidern. Vorne sassen mein Kerl und der andere. Und sie sangen, jeder für sich, ein Lied. Meiner – sofern mich meine Erinnerung nicht trügt – «Halleluja» von Leonard Cohen.Da drehte sich der Bruder meines Freundes zu mir um und sprach: «Sagst du’s ihm?» – Was er meinte: Mein Damaliger sang so, wie ein Kurzsichtiger mit Tremor schiesst. Kein einziger Ton traf das Ziel. Es ist fraglich, ob der Komponist seinen Song überhaupt erkannt hätte. Zu allem Übel war der andere Sänger, der mit der Gitarre, auch noch verdammt talentiert. Im direkten Ver-gleich kackte mein Typ noch drastischer ab. Dass er trotz seines schwarzen Polyester- Jacketts noch immer besser aussah als der mit der Gitarre, war angesichts der gesang-lichen Performance ein schwacher Trost. Die Leute waren dennoch sehr höich, wie immer in dieser Gegend. Draussen klopften ihm die von Schweiss triefenden Tanten auf die Schultern und lobten den Auftritt.Spätnachts, beim Einschlafen, schlug ich meinem Kerl vor, er solle sich doch das mit der Gesangskarriere noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Es gebe ja auch an-dere schöne Hobbys. Danach sprach er ei-nen ganzen Tag lang nicht mehr mit mir.Ich hätte wohl nicht ehrlich sein sollen. Allerdings hat ihn das später nicht davon ab-gehalten, bei einer dubiosen Gesangslehre-rin Stunden zu nehmen und sie im Wesentli-chen dafür zu bezahlen, dass sie ihm von ihrem verpfuschten Leben vorjammerte.Man wirft uns schwulen Männern oft Oberächlichkeit vor. Nicht ganz zu Un-recht. So manches unserer Leben spielt sich im Dreieck zwischen Sex, Alkohol und Party ab. Zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man die Instagram-Accounts der Boys anschaut. Doch ist unsere Oberäch-lichkeit nicht einfach eine Variante dessen, was alle tun, egal wo? Verschweigen, um den heissen Brei herumreden, Lügen – und sich dann hintenrum das Maul zerreissen?Wann hab’ ich denn zum letzten Mal einem Sexdate Folgendes gesagt? «Du bist echt ein verdammt schlechter Top, du be-wegst deine Hüfte keinen Millimeter und deine Zunge hat mich beim Küssen an die Landung der Alliierten in der Normandie erinnert.»Nie. Obwohl ich oft genug Grund dazu gehabt hätte. Stattdessen würgt man ir-gendwas wie «war schön» heraus und blo-ckiert danach das Prol. Ist einfacher.Oder wenn untalentierte Hobbyköche zum Diner einladen. Die Küche wird zum Schlachtfeld, am Ende kommt irgendwas dabei heraus, was im Wesentlichen aus Tag-liatelle mit rotem Curry aus der Konserve und nicht durchgebratenen Tiefkühl-Scam-pi erinnert. Dazu ein Pinot Grigio aus nord-italienischer Massentraubenhaltung. Und weil der Koch so abgewrackt aussieht, lobt man den Frass vollmundig – und irgendein Vollidiot am Tisch weist darauf hin, wie gut doch auch dieser Weisse dazu passe.Und statt die Wahrheit zu sagen, ern-det man bei der nächsten Einladung einfach irgendeinen Termin, den man nicht ver-schieben könne.So sind wir halt. Wir lügen uns durchs Leben, alles fürs allgemeine Wohlbenden. Und wenn doch mal die Wahrheit aus einem heraustropft, ist das so erfrischend wie eine Brise in einer überhitzten Kapelle an einem Samstag während der Hochzeitssaison. Man wirft uns schwulen Männern oft Oberflächlichkeit vor. Nicht ganz zu Unrecht. So manches unserer Leben spielt sich im Dreieck zwischen Sex, Alkohol und Party ab. Mal ehrlich: Die Wahrheit ist auch keine Lösung Michi Rüegg hat gelernt, dass Ehrlichkeit nicht immer zielführend ist. Auch wenn er sich oft genug nach ihr sehnt. KOLUMNEMICHI RÜEGG
Meine Cruiser-Bestellung Jahresabo, Selbstkostenpreis: CHF 72.– Gönner*innen Jahresabo: CHF 250.–Einsenden an: Cruiser, Clausiusstrasse 42, 8006 Zürichwww.cruisermagazin.ch/aboDAS MAGAZIN FÜR DIE QUEERE LEBENSART10 AUSGABEN FÜR NUR CHF 72.– Der Cruiser kommt in neutralem Umschlag direkt in deinen Briefkasten. Einfach Coupon ausfüllen und einschicken oder online bestellen unter www.cruisermagazin.ch/aboVorname | NameStrasse | Nr.PLZ | Ort E-MailUnterschriftcruiserbraucht dich!Abonniere uns!
24CRUISER JUNI 2025RELIGIONDER NEUE PAPSTWeisser Rauch über Rom, konservativer Wind für die queere Welt. Ein neuer Papst macht nicht immer alles besser.Leo XIV. – Ein neuer Papst, ein alter Kurs?Media © Shutterstock / Adobe StockVON M. H. ELYOPADie Wahl des neuen Papstes, Leo XIV., lässt die katholische Kirche hoen – und die LGBT*-Community erneut um Anerkennung kämpfen. Denn mit dem US-Amerikaner Robert Francis Prevost, 69 Jahre alt, wurde ein Mann auf den Stuhl Pe-tri gewählt, der für viele wie ein Brücken-bauer erscheint. Doch bei queeren emen bleibt er fest verankert im Moralkodex ver-gangener Jahrhunderte.Ein Pontifex zwischen den WeltenGeboren in Chicago mit europäischen Wur-zeln, mathematisch ausgebildet, tief veran-kert im Augustinerorden – Leo XIV. bringt eine beeindruckende Biograe mit. Fast drei Jahrzehnte wirkte er als Missionar in Peru, zuletzt prägte er die globale Kirchenpolitik im Vatikan. Sprachgewandt, weltgewandt, aber nicht notwendigerweise weltoen, wenn es um Sexualität und Geschlechter-vielfalt geht.Papst Franziskus hatte 2023 die Seg-nung homosexueller Paare erlaubt – ein vor-sichtiger, aber symbolisch gewichtiger Schritt in Richtung Anerkennung. Leo XIV. hingegen bremst. Er sieht diese Önung kri-tisch, verweist auf «kulturelle Unterschiede» und betont, dass in Teilen der Welt Homose-xualität weiterhin unter Strafe stehe. Dass die katholische Kirche selbst in diesen Regi-onen aktiv daran beteiligt ist, diesen Zustand aufrechtzuerhalten, erwähnt er nicht.Der Papst winkt und lächelt, das gläubige Volk jubelt. Auf Franziskus folgt Leo, und sonst? Bleibt alles beim Alten?
25CRUISER JUNI 2025RELIGIONDER NEUE PAPSTBereits 2012 beklagte Prevost, westli-che Medien förderten ein Bild, das «dem Evangelium widerspricht». Genannt wur-den der «homosexuelle Lebensstil», gleich-geschlechtliche Familienmodelle, aber auch Sterbehilfe und Abtreibung. Seine Aussagen lassen wenig Raum für Honung auf substanzielle Reformen im Umgang mit LGBT*-Menschen.Konzilianter Ton, konservativer InhaltZwar sprach sich Leo XIV. im Oktober 2024 für mehr Dialog unter den Bischofskonfe-renzen aus – auch zur Frage der Segnung queerer Paare. Doch wer genau hinhört, merkt schnell: Der Ton ist konziliant, der In-halt konservativ. Ein Gespräch ja, aber bitte ohne Konsequenzen.Als Bischof von Chiclayo sprach er sich gegen staatliche Bildungsprogramme aus, die Kinder über Gender-Vielfalt informie-ren sollten. Die sogenannte «Gender-Ideo-logie» sei eine Erndung, so Prevost. Solche Aussagen sind Wasser auf die Mühlen jener Kräfte, die jede Form von queerer Sichtbar-keit dämonisieren.Der queere eologe und katholische Priester Dr. Wolfgang Rothe brachte es in ei-ner Talkshow im ZDF Anfang 2023 auf den Punkt: «Solange die Lehre der Kirche diskri-minierend ist, im Hinblick auf Frauen, im Hinblick auf queere Menschen, solange wird die Kirche immer unglaubwürdig bleiben.» Das Zitat steht wie ein stiller Einspruch ge-gen das, was Leo XIV. bislang vertreten hat – und wie eine Mahnung an die Kirche, die sich als moralische Instanz versteht, aber weite Teile ihrer Gläubigen ausschliesst.Reformer mit angezogener HandbremseIn Umweltfragen oder sozialer Gerechtig-keit folgt Leo XIV. durchaus dem Kurs seines Vorgängers. Er positionierte sich klar gegen den Klimawandel, setzt auf Dialog und ei-nen «pastoralen Stil». Doch wenn es um die Sexualmoral geht, zieht er die Linie – und die bleibt bei ihm dort, wo sie seit Jahrhun-derten war.Auch Frauen in der Kirche dürfen kei-ne grossen Honungen hegen. Zwar lobt er ihren Einsatz, doch bei der Frage nach der Priesterweihe verweist er auf «neue Proble-me», die dadurch entstehen könnten. Klingt höich, ist aber nichts anderes als ein freundlicher Korb.Leo XIV. übernimmt eine Kirche, die tief gespalten ist: Zwischen Nord und Süd, Arm und Reich, liberal und ultrakonserva-tiv. In Europa und Nordamerika fordern viele Gläubige mehr Oenheit – gerade im Umgang mit Geschiedenen, Frauen und LGBT*-Personen. Doch das Wachstum n-det längst anderswo statt: In Afrika, in Asi-en – Regionen, in denen Homosexualität oft mit gesellschaftlicher Ächtung oder gar Ge-fängnis bestraft wird.Der neue Papst wird versuchen, diese Gegensätze zu moderieren. Doch wer dabei auf eine echte Önung gegenüber queeren Menschen hot, dürfte enttäuscht werden. Denn Leo XIV. steht – trotz aller Diplomatie – für eine Kirche, die in Fragen der Sexual-moral weiterhin keine neue Sprache ndet. Und wer schweigt, wenn andere laut ausge-grenzt werden, stellt sich nicht auf die Seite der Schwachen, sondern auf die der Macht. Bislang wissen wir ausser dem (selbst gewählten) Namen des jetzigen Papstes nicht viel über das neues Oberhaupt der katholischen Kirche, seine Person und seine Ansichten sind noch nebulös.Zwar sprach sich Leo XIV. im Oktober 2024 für mehr Dialog unter den Bischofskonferenzen aus – auch zur Frage der Seg-nung queerer Paare. Doch wer genau hinhört, merkt schnell: Der Ton ist konziliant, der Inhalt konservativ. Ein Gespräch ja, aber bitte ohne Konsequenzen.«Solange die Lehre der Kirche diskriminierend ist, im Hinblick auf Frauen, im Hinblick auf queere Menschen, solange wird die Kirche immer unglaubwürdig bleiben.»
26CRUISER JUNI 2025SERIEHOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURVom Neffen kommt der päpstliche Onkel nicht losWie ist es eigentlich um das Sexleben von Päpsten bestellt? Hatten sie in der Vergangenheit ihre Triebe unter Kontrolle? VON ALAIN SORELEs ist heiss in diesem Juli 1471 in Rom. Papst Paul II. liegt in einer dieser Nächte wach in seinem Bett, aber nicht der Hitze wegen. Erhitzt ist er zwar schon – aber verantwortlich dafür ist vorab sein Lieblings-Lustknabe. Paul II. stöhnt auf seinem Lager vor Erregung, aber genau diese ist zuviel für seinen Körper. Er erleidet in den Armen seines Liebhabers einen Schlaganfall und stirbt. Ob der Verzehr von «zwei enormen Melonen» ursächlich war für sein Ende oder die körperliche «Überan-strengung», bleibe dahingestellt. Das eine schloss das andere ja nicht aus. Insgesamt sieben Jahre währte sein Pontikat. Schwitzende Ringer und LäuferSchon vor dessen Beginn hatte er den Spitz-namen «Die fromme Maria» verpasst be-kommen. Als Grund dafür wurde angege-ben, er sei bei Krisen schnell in Tränen ausgebrochen, was oenbar als «unmänn-lich» empfunden wurde. Andere Vermutun-gen wie jene des Autors Eric Walz gehen dahin, der Übername sei auf seine Homose-xualität zurückzuführen, sei doch seine Neigung zum männlichen Geschlecht nicht Der Papst ergötzte sich an den schwitzenden Körpern der Ringer und Läufer. verborgen geblieben. Walz schreibt in sei-nem Buch «Schwule Schurken», als Papst habe Paul II. mit Vorliebe Sportfeste veran-staltet und sich dabei an den schwitzenden Körpern der Ringer und Läufer ergötzt. Er hatte demnach auch eine sadistische Ader und konnte sich an Folterverhören junger Männer in den Verliessen seines Machtbe-reichs nicht sattsehen. Er verlangte, geholt zu werden, wenn Einvernahmen dieser Art in den Gefängniskellern stattnden soll-ten. Damit war es nach der Julinacht 1471 vorbei. Ein Tugendbold wandelt sich ins GegenteilZum Nachfolger von Paul II. wählte das Konklave nach dreitätiger Dauer am 9. Au-gust 1471 Kardinal Francesco della Rovere, der als Sixtus IV. den Stuhl Petri bestieg. Und da sollte die Post abgehen, in vielerlei Hinsicht. Aus einfachen Verhältnissen stam-mend, hatte er in der Kirche eine Blitzkarri-ere hingelegt. An deren Anfang stand durchaus die eigene Leistung: harte Arbeit im Kloster von Mönchen, wo der am 21. Juli 1414 in Celle bei Savona geborene Francesco della Rovere aufwuchs, Beitritt zum Fran-ziskanerorden, Studium der Philosophie und der eologie, Doktor der eologie, Vorlesungen an Universitäten, 1464 Gene-ralminister der Franziskaner. Ein solcher Werdegang durfte sich sehen lassen. Dazu kam drei Jahre später noch die Ernennung zum Kardinal durch Paul II. Er zog im Gefolge dieser Berufung nach Rom – und lernte dort das Laster in all seinen Ausprägungen kennen. Rom war ein Wendepunkt im Leben des späteren Sixtus. Rom, die Stadt, in der Postenschacher, Viel-weiberei, Begünstigung und Korruption an der Tagesordnung waren, verwandelte ihn – zum Schlechten. Ehrgeiz und Machthunger trieben ihn bald einmal und denitiv um. Welcher Art die Beziehungen zwi-schen ihm und Papst Paul II. waren, ist un-gewiss. Als er aber selber dessen Nachfolger geworden ist, lässt Sixtus nichts mehr an-brennen.Der Neffe revanchiert sichDa sind zuerst einmal seine beiden Neen zu erwähnen, die hübschen jungen Söhne sei-ner Schwester Bianca della Rovere, Pietro und Girolamo Riario, seine steten Begleiter bereits seit etwa 1464. Grossgewachsen Rom war ein Wendepunkt im Leben des späteren Sixtus. Rom, die Stadt, in der Postenschacher, Vielweiberei, Begünstigung und Korruption an der Tagesordnung waren, verwandelte ihn – zum Schlechten.Media © Adobe Stock➔
27CRUISER JUNI 2025SERIEHOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURDenkmal von Papst Sixtus V. vor der Basilika Santa Casa. Die bronzene Statue zeigt ihn in segnender Haltung auf einem reich verzierten Thron. Sixtus V., ein machtbewusster Kirchen- fürst der Gegenreformation, gilt in der Forschung auch als möglicher Vertreter einer gleichge-schlechtlichen Lebensweise.
28CRUISER JUNI 2025SERIEHOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURist Pietro, immerhin Magister der eologie und versehen mit der Priesterweihe, er ge-fällt seinem Onkel über alle Massen und Pie-tro erweist sich als sehr gute «Investition» in die Karriere des älteren Verwandten. Mit sei-ner Überredungskunst und seinem Charme kauft er Francesco della Rovere gewisser- massen die Wahl zum Papst zusammen. Pietro verspricht gemäss Walz dem Wahlkollegium, den Kardinälen, und ihrem Anhang das Blaue vom Himmel herunter in Bezug auf materielle Einkünfte und dem Er-werb von Gütern, sichert Baugenehmigun-gen für Bordelle und Bistümer zu und so wird der 9. August 1471 ein Glückstag für die Familie. Ganz klar, dass der Neugewählte die beiden Neen quasi mitnimmt in sein neues Amt. «Werkzeuge infamer Vergnügungen»Und sie alsogleich befördert und selber mit Titeln und Befugnissen überhäuft. Pietro wird auf der Stelle Kardinal, dann weiter Erzbischof von Split und Florenz, Aussen-minister des Papstes, Lateinischer Titular-bischof von Konstantinopel und vieles mehr. Sixtus sei Päderast gewesen, schreibt Walz, und seine Gunst hätten nur die «Werkzeuge seiner infamen Vergnügun-gen» erhalten, wie er einen Historiker jenes Zeitalters zitiert. Er gilt als Gay-Papst, doch wie weit er seine Neigungen auslebte, ist umstritten. Pietro konnte im Übrigen seine Privilegien nicht lange geniessen. Er starb 28-jährig an oenbar verspätet erkanntem Magenkrebs. Pietro war ein Beispiel für den Nepotismus, den Sixtus betrieb, also für eine ausgemachte Vetternwirtschaft mit der Privilegierung von Angehörigen. Päpste verstanden sich in alten Zeiten als Territorialfürsten, die sich gegen mäch-tigere Nachbarn glaubten behaupten zu müssen oder von diesen auch tatsächlich herausgefordert wurden. Kam dazu, dass ein Papst selber auch territoriale Expansi-onsgelüste haben konnte. Sie verhielten sich wie weltliche Herrscher, waren ja auch sol-che, und zur Absicherung der Macht gehör-te ein ausgebautes Günstlingswesen. Sixtus ist ein Beispiel dafür. Heute hat die katholi-sche Kirche und ihr Oberhaupt glücklicher-weise andere Prioritäten, wie die Wahl des Paul II. (Porträt Pietrobarbo von Cristofano dell’Altissimo, 16. Jh.). Paul II. * 23. Februar 1417 in Venedig bis † 26. Juli 1471 in Rom), ursprünglich Pietro Barbo, war ein umstrittener Papst und starb am Konsum von zwei «enormen Melonen».Papstes und Bischofs von Rom vom 8. Mai 2025 gezeigt hat. Sixtus, der 212. Papst in dieser Liste, behielt seine Linie bei bis zu seinem Tod am 12. August 1484 in Rom. Mit der regierenden Familie der Medici von Florenz lieferte er Sixtus sei Päderast gewesen, schreibt Walz, und seine Gunst hätten nur die «Werkzeuge seiner infamen Vergnügungen» erhalten, wie er einen Historiker jenes Zeitalters zitiert. Sixtus sei Päderast gewesen, schreibt Walz, und seine Gunst hätten nur die «Werkzeuge seiner infamen Vergnügungen» erhalten, wie er einen Historiker jenes Zeitalters zitiert. Media © Wikimedia Commons / Public Domain
29CRUISER JUNI 2025sich eine jahrelange erbitterte Auseinan-dersetzung um Städte und Herrschaften und war augenscheinlich Mitwisser eines Mordkomplotts gegen die zwei Brüder Lo-renzo und Giuliano aus dem Hause der Me-dici während eines Hochamtes (!) im Dom von Florenz am 26. April 1478, dem der 25-jährige Giuliano zum Opfer el. Wie nahe Licht und Schatten beiein-ander liegen, macht gerade die Persönlich-keit von Sixtus deutlich: Unter ihm wurde doch auch die nach ihm benannte Sixtini-sche Kapelle, ein Meisterwerk der Kunst, erbaut, auf welche sich beim jüngsten Kon-klave im Vatikan die Blicke der Welt richte-ten. So schliesst sich der Kreis. HOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURMehr oder weniger versteckt findet sich das Thema Männerliebe in der Weltgeschichte, der Politik, dem Sport, in antiken Sagen und tra- ditionellen Märchen – aber auch in Kunst, Wis-senschaft, Technik, Computerwelt. Cruiser greift einzelne Beispiele heraus, würzt sie mit etwas Fantasie, stellt sie in zeitgenössische Zusammenhänge und wünscht bei der Lektüre viel Spass – und hie und da auch neue oder zu-mindest aufgefrischte Erkenntnisse. In dieser Folge: Päpste und ihre Sehnsucht nach jungen Männern.Heiliger Schein und heisse Gerüchte – die Sixtinische Kapelle als prachtvolles Denkmal päpstlicher Selbstdarstellung mit homoerotischem Unterton.SERIEHOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURQuelle: Eric Walz, Schwule Schurken, Männerschwarm Verlag.
30CRUISER JUNI 2025ZUSAMMENGESTELLT VON HAYMO EMPLUrsprünglich Ursprünglich von Gilbert Baker im Jahr 1978 entworfen, hat sich die Regenbogenagge über die Jahre weiterentwickelt, um die Vielfalt und die sich wandelnden Identitäten innerhalb der LGBT*-Community widerzuspiegeln. Wir reden von den Farben der Pride-Flagge – bestens bekannt und doch immer wieder in verschiedenen Variationen zu sehen.Die ursprüngliche Pride-Flagge bestand aus acht Farben, wobei jede eine spezische Bedeutung hatte:• Pink für Sexualität• Rot für Leben• Orange für Heilung• Gelb für Sonnenlicht• Grün für Natur• Türkis für Magie/Kunst• Indigo für Harmonie• Violett für GeistDa Pink damals schwer verfügbar war und auch Türkis und Indigo später zusammen-gelegt wurden, wurde die Flagge auf sechs Farben reduziert. Diese Version ist heute am weitesten verbreitet:• Rot für Leben• Orange für Heilung• Gelb für Sonnenlicht• Grün für Natur• Blau (anstatt Indigo) für Harmonie• Violett für GeistDiese sechs Farben symbolisieren grundle-gende Aspekte der menschlichen Erfahrung und reektieren die Vielfalt der LGBT*-Com-munity.Im Laufe der Zeit entstanden zahlreiche weitere Flaggen, um die unterschiedlichen Facetten queerer Identitäten sichtbar zu machen:Die bisexuelle Pride-Flagge (entworfen 1998 von Michael Page) verwendet Pink, Lila und Blau, um die sexuelle Anziehung zu gleich- und andersgeschlechtlichen Men-schen darzustellen – sowie die Übergänge dazwischen.Farbenspiel der Einheit: Die Evolution und Bedeutung der Pride-FlaggenDie Pride-Flagge steht weltweit als Zeichen der Solidarität und Akzeptanz für die LGBT*- Gemeinschaft. Aber: Woher kommen die Farben? Und wer steckt dahinter?BISEXUELLE PRIDE-FLAGGEDie Transgender-Pride-Flagge (entwor-fen 1999 von Monica Helms) zeichnet sich durch die Farben Blau, Rosa und Weiss aus. Sie stehen für die traditionellen Geschlech-terrollen (männlich/weiblich) sowie für Menschen, die sich ausserhalb dieser Kate-gorien bewegen oder sich noch in der Tran-sition benden.TRANSGENDER-PRIDE-FLAGGEPRIDE 2025DIE GESCHICHTE DER PRIDE-FLAGGEPRIDE-FLAGGEINTERSEX-FLAGGEDie Intersex-Flagge (erstmals 2013 von Intersex Human Rights Australia vorge-stellt) zeigt einen gelben Hintergrund mit einem lila Kreis in der Mitte – bewusst ohne Bezug zu traditionellen Geschlechterfar-ben, um Unabhängigkeit von binären Vor-stellungen zu symbolisieren.
31CRUISER JUNI 2025ANZEIGESchreinerstrasse 44 | 8004 Zürich | Telefon 044 291 39 90 | www.haargenau.chDeine fabelhafte LGBT*-friendly Hairstylistin freut sich auf deinen Besuch.PRIDE 2025DIE GESCHICHTE DER PRIDE-FLAGGEEine der jüngsten und bedeutendsten Erwei-terungen ist die Progress-Pride-Flagge, entworfen 2018 von Daniel Quasar. Sie kom-biniert die klassische Sechsfarben-Regenbo-genagge mit einem keilförmigen Einschub: Schwarz und Braun für People of Color in-nerhalb der LGBT*-Community, sowie die Farben der Transgender-Flagge. Diese Er-weiterung macht auf die Notwendigkeit auf-merksam, intersektionale Diskriminierung zu bekämpfen und marginalisierte Stimmen sichtbarer zu machen. Nebst den bekannten Pride-Flags wie der Regenbogenfahne oder der Progress-Pri-de-Flag listet das Queer-Lexikon auf seiner Webseite noch zahlreiche weitere Flaggen auf – ein buntes Panorama geschlechtlicher, sexueller und romantischer Identitäten. Dazu zählen unter anderem die Asexuellen-Flagge, die Aromantischen-Flagge, die Flag-ge für Demisexuelle sowie jene für Greysexu-elle. Ebenfalls aufgeführt sind die Flagge der Agender-Personen, die Genderqueer-Flagge, die Flagge für nicht-binäre Menschen, die Intersex-Flagge sowie die Neopronomen-Flagge. Auch romantische Orientierungen wie Biromantik, Panromantik oder Homoro-mantik haben ihre eigenen Symbole. Hinzu kommen weitere wie die Flagge für Poly-amorie, die Bear-Flagge, die Leather-Flag, die Lipstick-Lesbian-Flagge, die Androgy-nitätsagge oder die für Genderuidität. Selbst seltenere Begrie wie Quoigender, Apogender oder Xenogender nden hier ih-ren Platz – mit jeweils zugehöriger Farbge-staltung und Bedeutung.Diese Vielfalt zeigt: Identität ist nicht eindimensional, sondern ein kaleidoskopar-tiges Geecht aus Facetten, das sich nicht auf eine einzige Fahne reduzieren lässt.Mehr als nur ein SymbolDie Pride-Flagge ist weit mehr als ein bun-tes Banner – sie ist ein starkes Zeichen für Widerstand, Vielfalt, Selbstbestimmung und Honung. In ihren vielen Formen ver-körpert sie das unablässige Streben nach Gleichberechtigung und Sichtbarkeit. Jede Variante erinnert daran, dass diese Reise noch nicht abgeschlossen ist – und dass alle Identitäten, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung, Anerkennung und Respekt verdienen. PROGRESS-PRIDE-FLAGE
32LISTICLE10 GRÜNDE PRO UND KONTRA PRIDE327. Du kannst keine Schlagwörter mehr hören. Inklusion, Sichtbarkeit, Diversity – ja, alles wichtig. Aber dein innerer Zyniker braucht ’ne Pause.9. Du willst niemandem begegnen, der dich unter deinem Grindr-Namen kennt. Und das ist bei Pride praktisch ausgeschlossen.2. Du hast kein Outfit – nur Prinzipien. Und die sind leider nicht neonfarben oder bauchfrei.5. Du willst nicht von tanzenden Einhörnern umarmt werden. Auch nicht von halbnackten Daddies auf High Heels mit Seifenblasenmaschine.10. Du willst dich nicht erklären müssen. «Was bist du denn?» – «Warum bist du hier?» – «Darf ich dich filmen?» Nein, nein und nochmal nein.1. Du glaubst, du bist schon genug sichtbar. Und zwar auf deinem Sofa, in Pyjamahosen, mit Chipsresten auf dem Bauch.3. Du magst keine Fahnen. Weder Regenbogen, noch Trans, noch die mit den Bären. Du findest: zu viel Wind.4. Du warst 1998 schon dort und findest, es war früher radikaler. Jetzt ist alles nur noch Influencer-Camping mit Sponsorentheke.6. Du brauchst drei Tage Erholung von einem Tag Menschenkontakt. Und Pride ist eher ein soziales Burnout in Echtzeit.8. Du bist müde vom Lächeln auf Kommando. Fotos hier, Umarmung da, «Love is love» ins Gesicht gebrüllt – manchmal willst du einfach nur deine Ruhe.Je 10 Gründe für und gegen denRegenbogenrausch10 Gründe, nicht an die Pride zu gehenCRUISER JUNI 2025
33LISTICLE10 GRÜNDE PRO UND KONTRA PRIDE337. Weil dich niemand fragt, wer du bist –sondern alle feiern, dass du da bist. Kein Erklären, kein Verstecken – einfach nur Sein.9. Weil es befreiend ist, mal nicht der einzige Queer im Dorf zu sein. Sondern Teil von etwas Grossem, Lautem, Echtem.2. Weil politischer Protest auch Spass machen darf. Wer sagt, dass Widerstand nicht tanzen kann?5. Weil du neue Leute treffen willst, die du sonst nur über Dating-Apps kennst. Live, in Farbe, und hoffentlich nüchtern.10. Weil du sonst etwas verpasst, das mehr ist als nur ein Umzug. Es ist eine Erinnerung daran, dass du richtig bist – genau so wie du bist.1. Weil du da bist – und das alleinschon ein politisches Statement ist. Jede queere Präsenz ist eine Ansage ans System.3. Du magst keine Fahnen. Weder Regenbogen, noch Trans, noch die mit den Bären. Du findest: zu viel Wind.4. Weil du die queere Tante in dir freilassen willst. Die mit Glitzer auf den Wangen und Pfefferminzlikör im Rucksack.3. Weil du dich erinnern willst, wie Freiheit aussieht. Bunt, laut, schillernd – genau wie du an deinem besten Tag.6. Weil Solidarität nicht am Bildschirm endet. Ein echter Applaus ist lauter als jeder Like.8. Weil du deine Geschichte feiern darfst – und die von allen anderen auch.Je 10 Gründe für und gegen denRegenbogenrauschPRIDE ODER PEINLICHKEIT?10 Gründe, nicht an die Pride zu gehen 10 Gründe, unbedingt an die Pride zu gehenCRUISER JUNI 2025
Die Vorkämpfer zur Anerken-nung gleichgeschlechtlichen Beziehungen würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen würden, was aus ihrem Mut und Kampf geworden ist! Die Regenbogen Community hat sich in ihrer Überheblichkeit politisch missbrauchen lassen und merkt nicht, wie es in der Realität brodelt und der Unmut und manchmal sogar Hass ge-genüber der Regenbogen-Com-munity steigt. Wenn der Wahn-sinn in Europa eskaliert, wird der Pöbel sein Feindbild haben wie in den 1930er Jahren. Ich wünsche mir von Herzen, dass ich Unrecht habe, aber vieles deutet leider darauf hin. Raphael (40)Hallo RaphaelEs stimmt, dass die Geschichte der LGBT*-Bewegung von Mut und unablässigem Kampf geprägt ist. Dieser Kampf hat bedeu-tende Fortschritte ermöglicht. Es ist wich-tig, diese Errungenschaften zu würdigen und weiterhin für Gleichberechtigung und Akzeptanz zu kämpfen. Denn diese ist bei weitem nicht bei allem und allen erreicht. Gleichzeitig ist es auch wahr, dass Diskrimi-nierungen und Feindseligkeiten gegen LGBT*-Menschen in der Gesellschaft exis-tieren. Selbst innerhalb der Community gibt es Herausforderungen hinsichtlich Diskri-minierung und Gewalt. Diese ematiken anzuerkennen, bedeutet jedoch nicht, die errungenen Fortschritte und die positive Wirkung des anhaltenden Engagements der Community zu negieren. Solidarität inner-halb der Community und mit Unterstützer- *innen ist entscheidend, um Vorurteile abzu-bauen und eine inklusivere Gesellschaft zu fördern. Dialog, Bildung und das Einstehen für unsere Werte ist überall wichtig. Wenn du mit der Entwicklung der Regenbogen-Com-munity nicht zufrieden bist, warum nicht selber aktiv werden und deine Ansicht der Dinge einbringen? Alles Gute, Dr. GayIch habe gehört, dass die PrEP seit letztem Jahr von der Kran-kenkasse übernommen wird. Heisst das, die PrEP ist nun komplett kostenlos für mich? Florian (30)Hallo FlorianWie bei allen medizinischen Leistungen in der Schweiz fallen Kosten an. Diese werden auch bei der Übernahme der PrEP geltend gemacht. Die Kostenbeteiligung besteht aus drei Teilen:Prämie: Du bezahlst einen monatlichen Bei-me verursacht Gesundheitskosten von CHF 1700 – 2500, bei unregelmässiger Einnahme sind die Kosten tiefer. Wenn zur täglichen Einnahme der PrEP noch weitere Kosten dazu kommen, z. B. STI-Behandlungen oder Psychotherapie, lohnt sich nanziell die tiefste Franchise für dich. Du kannst die Franchise jeweils bis am 30. November für das nächste Jahr anpassen. Selbstbehalt: Sobald du deine Franchise ab-bezahlt hast, werden dir fortlaufend 10 % dei-ner Gesundheitskosten verrechnet – bis zum maximalen Betrag von CHF 700 pro Jahr.Für eine Kostenübernahme musst du in der Schweiz krankenversichert sein und gewisse Voraussetzungen erfüllen.Alles Gute, Dr. Gay343434RATGEBERDR. GAYBei Dr. Gay ndest du alles rund um das Leben in der Community: Sexualität, Beziehungen, Drogen und mehr. Dr. Gay ist ein Angebot der Aids-Hilfe Schweiz und fördert die Gesundheit von schwulen, bi & queeren Männern, sowie trans Personen durch Präventionsarbeit mit der Community. drgay.ch drgay_official @drgay_officialDas Wichtigste zu PrEP gibt es hier:trag. Die Höhe der Prämie hängt von diver-sen Faktoren (z. B. Wohnort) ab. Je nach dem ist es möglich, dass du in deinem Wohnkan-ton Anspruch auf Prämienverbilligung hast. Informiere dich bei der zuständigen Ge-meindeverwaltung. Franchise: Du kannst jährlich wählen, wie viel du selbst bezahlst, bevor die Kranken-kasse übernimmt. Es sind sechs Varianten zwischen 300 und 2500 Franken möglich. Je höher diese Franchise, desto tiefer ist deine monatliche Prämie. Wähle in jedem Fall ent-weder die tiefste oder die höchste Franchise, alles dazwischen ist nanziell nachteilig. Abhängig von deiner Gesundheitssituation kann die tiefste Franchise nanziell sinnvol-ler sein: HIV-PrEP in der täglichen Einnah-CRUISER JUNI 2025
drgay.ch drgay_official @drgay_officialDas Wichtigste zu PrEP gibt es hier: Wir brauchen jetzt deine Unterstützung!1. Twint-App önen2. QR-Code scannen3. Adresse angeben4. CHF 100.– sendenFertig2022 Du bist Mitglied bei schwulengeschichte.ch Die Website schwu len ge schich te.ch macht die Ge schich te von Schwulen in der Schweiz in all ihren Facetten zu gäng lich. Betrieb und Wei ter ent wick lung wird von eh ren amt li chen Mit ar bei tern si cher ge stellt.WERDE MITGLIED UND HILF, DASS UNSERE GESCHICHTE NICHT VERGESSEN WIRD 1930 1940 1950 1960 1970 19801990 2000 2010 20201943 Der Kreis1957 Kreis-Ball1973 Gay-Liberation1986 AIDS2004 Partnerschafts-gesetz Demoschwulengeschichte-inserat.indd 1schwulengeschichte-inserat.indd 1 11.06.22 11:5511.06.22 11:55
Co-PartnerMedia PartnerDemonstration: 21. Juni 2025 ab Helvetiaplatz, 13.00 Uhr Festival: 20. & 21. Juni 2025 Landiwiese, Zürichzurichpridefestival.ch @zurichpride