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CRUISER November 2024

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Message SEIT 1986 DAS ÄLTESTE QUEERE MAGAZIN DER SCHWEIZ – NOVEMBER 2024 CHF 8.10KUNST, KULTUR & LEBENSSTIL FÜR DIE LGBT*-COMMUNITYcruiser4 Stern oder nicht Der Zusammenhang von Sprache und Weltbild12 Hetero, homo oder bi Keine Frage der Unentschlossenheit28 Toleranz oder Schublade Vom schwierigen Umgang mit der Vielfalt

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SUNDAY 06 JULY SUNDAY 06 JULY HALLENSTADION ZURICHHALLENSTADION ZURICHtakk ab Presents by arrangement with CAAtakk ab Presents by arrangement with CAAinfos & tickets: takk-abe.ch | ticketcorner.chinfos & tickets: takk-abe.ch | ticketcorner.chkylie.comkylie.com| | ||

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4 GESELLSCHAFT ZÜRICH ENTSCHEIDET ÜBER DEN GENDERSTERN 9 KULTUR FILMTIPP12 COMMUNITY BI – DER GERINGGESCHÄTZTE BUCHSTABE16 KOLUMNE MICHI RÜEGG17 CRUISER EMPFEHLUNG VOLVO EX9018 SERIE HOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATUR21 JUBILÄUM 15 JAHRE MEN BODYWORK22 KULTUR QUEERES FILMFESTIVAL IN LUZERN26 KULTUR BUCHTIPP28 GESELLSCHAFT (IN-)TOLERANTE QUEERS33 KULTUR KURZTIPP BUCH34 RATGEBER DR. GAYCRUISER MAGAZIN PRINTISSN 1420-214x (1986 – 1998) | ISSN 1422-9269 (1998 – 2000) | ISSN 2235-7203 (Ab 2000) Herausgeber & Verleger medienHay GmbHInfos an die Redaktion redaktion@cruisermagazin.chChefredaktor Haymo Empl Stv. Chefredaktorin Birgit Kawohl Bildredaktion Haymo Empl Alle Bilder mit Genehmigung der Urheber*innen.Art Direktion Lili WagnerAutor*innen Haymo Empl, Birgit Kawohl, Michi Rüegg, Alain Sorel, Manuela SpeckerKorrektorat | Lektorat Birgit KawohlAnzeigen anzeigen@cruisermagazin.chChristina Kipshoven | Telefon +41 (0)31 534 18 30Druck werk zwei Print+Medien Konstanz GmbHREDAKTION UND VERLAGSADRESSECruiser | Clausiusstrasse 42, 8006 Zürichredaktion@cruisermagazin.chHaftungsausschluss, Gerichtsstand und weiterführende Angaben auf www.cruisermagazin.ch Der nächste Cruiser erscheint am 29. November 2024Unsere Kolumnist*innen widerspiegeln nicht die Meinung der Redaktion. Sie sind in der Themenwahl, politischer /religiöser Gesinnung sowie der Wortwahl im Rahmen der Gesetzgebung frei. Wir vom Cruiser setzen auf eine grösst mögliche Diversität in Bezug auf Gender und Sexualität sowie die Auseinandersetzung mit diesen Themen. Wir vermeiden darum sprachliche Eingriffe in die Formulierungen unserer Autor*innen. Die von den Schreibenden gewählten Bezeichnungen können daher zum Teil von herkömmlichen Schreibweisen abweichen. Geschlechtspronomen werden ent spre chend implizit eingesetzt, der Oberbegriff Trans* beinhaltet die ent- sprechenden Bezeichnungen gemäss Medienguide «Transgender Network Schweiz».Cruiser wurde als einzige LGBT*-Publikation als «kulturell relevant» eingestuft und wird daher in der Schweize rischen Nationalbibliothek, der ZB Zürich sowie in der deutschen Nationalbibliothek archi viert. Cruiser ist zudem via SMD (schweizerische Mediendatenbank) allen Medienschaffenden zugänglich.Owen geniesst die herbstlichen Tage mit seinen Freunden, sehnt sich jedoch nach mehr Toleranz und einem respektvolleren Miteinander. IMPRESSUM EDITORIALLiebe Leser*innen Diese Ausgabe dreht sich um ein zentrales Thema: Toleranz. In all ihren Facetten begleitet sie uns durch diese Ausgabe – sei es in der Sprache, im Sport oder in unseren persönlichen Beziehungen. Toleranz ist der Schlüssel zu einem Miteinander, in dem alle ihren Platz finden können.Der Genderstern ist in Zürich gerade das heisseste Thema – zumindest, wenn es nach der aktuellen Abstimmung geht. Während einige ihn als kleines, aber feines Sternchen sehen, das alle Menschen sichtbar macht, empfinden andere ihn als Sternenschauer, der die Sprache unnötig verkompliziert. Ab Seite 4 geht’s los mit dem Stern, der die Gemüter bewegt.In dieser Ausgabe gehen wir auch auf das Thema Bisexualität, das oft übersehen wird, ein. Auch hier gilt: Toleranz bedeutet, Menschen in ihrer gesamten Viel- falt zu akzeptieren und sie nicht auf ein Entweder-Oder festzulegen. Liebe ist schliesslich Liebe, und sie darf in alle Richtungen fliessen. Birgit Kawohl hat sich ab Seite 12 mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ein weiteres Highlight dieser Ausgabe ist auf Seite 22 das PinkPanorama-Film- festival, das vom 13. bis 16. November in Luzern stattfindet. In diesem Cruiser geht es also um weit mehr als nur Themen und Nachrichten – es geht um das Herzstück unserer Community: die Toleranz, die uns zusammenhält.Viel Spass mit dem November-Cruiser! Herzlichst, Haymo Empl und das Cruiser-Team

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4CRUISER NOVEMBER 2024GESELLSCHAFTZÜRICH ENTSCHEIDET ÜBER DEN GENDERSTERN4Bilder © Adobe StockDer Genderstern steht im Mittelpunkt der aktuellen Abstimmung in Zürich. Während Befürworter*innen ihn als wichtigen Schritt zur inklusiven Sprache sehen, kritisieren Gegner*innen die Veränderung der traditionellen Sprachstruktur.Wie ein Stern manche auf die Palme treibt In Zürich entscheidet eine Abstimmung über die Zukunft des Gendersterns und entfacht eine hitzige Debatte über die Rolle von Sprache in der Gesellschaft.

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5CRUISER SOMMER 2024GESELLSCHAFTZÜRICH ENTSCHEIDET ÜBER DEN GENDERSTERNVON HAYMO EMPLI n Zürich steht eine wegweisende Abstim-mung bevor, die darüber entscheidet, ob der Genderstern weiterhin in der städti-schen Kommunikation verwendet werden soll. Die Initiative «Tschüss Genderstern!» (vom «Bund engagierter Bürger» – oenbar ohne Bürger*innen) fordert, diese Form der sprachlichen Inklusion aus oziellen Doku-menten zu verbannen. Unterstützer (ohne *) der Initiative halten den Genderstern für unnötig und umständlich, während Genderstern-Befür-wor-ter*innen ihn als unverzichtbar be-trachten, um die Vielfalt der Geschlechter sichtbar zu machen. Diese Diskussion in Zürich ist Teil ei-ner grösseren Debatte, die zeigt, wie Spra-che unsere Gesellschaft prägt. Sprache ist schliesslich weit mehr als ein Mittel der Ver-ständigung – sie formt die kulturellen Werte und das Selbstverständnis einer Gesell-schaft. Wir machen an dieser Stelle ein kurzes Intermezzo und gucken, wer denn so in die-sem Komitee ist: Es sind: Alt-Kantonsräte, ein Typograph im Ruhestand, ein pensio-nierter Primarlehrer, ein Ex-Journalist, ein SVP-Rentner, jemand vom Vorstand «keine Heimat», ein Präsident von der SVP Uster… und einige mehr. Menschen also, die dieses Magazin bestimmt nie in den Händen hal-ten werden…Von den Anfängen bis zur Gegenwart: Der Wandel negativer BegriffeSprache ist ein lebendiges Wesen, das sich kontinuierlich weiterentwickelt und dabei sowohl das Denken als auch das Handeln von Menschen beeinusst. Besonders ein-drücklich zeigt sich das am Beispiel von Be-grien, die einst abwertend waren und im Laufe der Zeit positiv umgedeutet wurden. Diese Transformation ist der beste Be-weis dafür, wie prägend Sprache für das kol-lektive Verständnis und die kulturelle Ent-wicklung einer Gesellschaft ist.1. SCHWUL: Einst als Schimpfwort verwen-det, um Menschen zu diskriminieren, die nicht der heteronormativen Ordnung entsprachen, wurde «schwul» von der queeren Community zurückerobert. Heute ist es ein Begriff des Stol-zes und der Selbstermächtigung. 2. QUEER: Der Begriff «queer» ist ein weiteres Beispiel für die Umdeutung eines abwertenden Begriffs. Ursprünglich abfällig verwendet, wur-de er von der LGBT*-Community als Sammel- begriff für alle Menschen, die nicht der hetero-normativen Geschlechterordnung entsprechen, positiv besetzt. 3. FEMINISMUS: Noch vor wenigen Jahr-zehnten war «Feminismus» für viele negativ konnotiert, wurde oft als Synonym für Radikali-tät oder Extremismus gesehen. Heute ist Femi-nismus – zumindest in vielen Teilen der Welt – eine Bewegung, die für Gleichstellung steht und breite Anerkennung findet. Auch Begrie, die lange Zeit als neutral galten, wurden im Laufe der Zeit kritisch hinterfragt. Ein markantes Beispiel ist das «Fräulein». Dieser Begri reduzierte Frauen auf ihren Ehestand und stellte ihre Bezie-hung zu Männern in den Vordergrund. Frau-en wehrten sich gegen diese sprachliche He-rabsetzung, und heute ist «Fräulein» nahezu vollständig aus dem Sprachgebrauch ver-schwunden. Auch Berufsbezeichnungen, die tradi-tionell männlich geprägt waren, haben sich gewandelt. «Managerin» oder «Ärztin» sind heute selbstverständlich – ein Spiegelbild ➔ Sprache ist ein lebendiges Wesen, das sich kontinuier- lich weiterentwickelt und dabei sowohl das Denken als auch das Handeln von Menschen beeinflusst. Wahlplakat der AfD-Partei zur Abschaffung der neu vorgeschlagenen geschlechtsneutralen Formulierungen in der deutschen Sprache.

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6CRUISER NOVEMBER 2024GESELLSCHAFTZÜRICH ENTSCHEIDET ÜBER DEN GENDERSTERN6Schritt im Kampf gegen Diskriminierung und fördert eine gerechtere, oener und vielfältiger gelebte Gesellschaft. Die Einführung des Gendersterns ist dabei nur ein Aspekt einer grösseren Bewe-gung, die sich für eine geschlechtergerechte Sprache einsetzt. Sprache formt unser Den-ken und hat tiefgreifende Auswirkungen auf unsere sozialen Strukturen. Durch den be-wussten Einsatz gendergerechter Begrie können tief verankerte Geschlechterstereo-type aufgebrochen werden. Dies unterstützt langfristig die Gleichstellung der Geschlech-ter in verschiedenen gesellschaftlichen Be-reichen. In diesem Zusammenhang erklärt Lovis Cassaris im HAZ Magazin treend: «Sprache prägt unser Denken, unsere Wahr-nehmung und unser Handeln». In diesem Zitat kommt die immense Bedeutung von Sprache zum Ausdruck – sie hat nicht nur Einuss auf das, was wir sagen, sondern auch darauf, wie wir die Welt sehen und letztlich auch handeln. Der Artikel im HAZ Magazin unterstreicht eindrucksvoll, dass geschlech-tergerechte Sprache keine nebensächliche Debatte ist, sondern ein Schlüsselelement für den gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Gleichberechtigung und Respekt.Kritik am Genderstern: Verständlichkeit und EffizienzNatürlich gibt es auch kritische Stimmen. Ein häuger Vorwurf ist, dass der Gender-stern Texte schwerer lesbar mache. Beson-ders in längeren oder formellen Texten wird er als störend und nicht gerade ezient empfunden. Ist dem so? Die Ezienz der Sprache, wie sie von Gegner*innen des Gendersterns angeführt wird, wird oft als vorrangiges Ziel betrach-tet: Sprache solle primär der Verständigung dienen und daher so unkompliziert wie möglich bleiben. Sie führen an, dass neutra-le Begrie wie «Studierende» oder «Lehr-kräfte» bereits existieren und ohne den Gen-derstern auskommen, was auf den ersten Blick logisch erscheinen mag. Doch diese Kritik greift zu kurz, denn sie vernachlässigt des gesellschaftlichen Wandels, der Frauen in vormals männerdominierten Berufsfel-dern mehr Sichtbarkeit verschat hat.«Sprache schat Realität», heisst es im Artikel «Respektvolle Sprache: Ein unver-zichtbarer Schritt zur Inklusion» des aktuel-len HAZ Magazins, der aufzeigt, wie wichtig Sprache für die Gleichstellung ist. «Inklusive Sprache schat einengende Stereotypen ab und erönet den Menschen, die damit ange-sprochen sind, neue Möglichkeiten, zu par-tizipieren», heisst es dort weiter.Der Genderstern als neues Kapitel der sprachlichen EvolutionDer Genderstern ist die neueste Entwick-lung in dieser kontinuierlichen Sprachrevo-lution. Er steht für den Versuch, nicht nur Männer und Frauen, sondern auch Men-schen jenseits der binären Geschlechter-ordnung sprachlich sichtbar zu machen. Der Genderstern ermöglicht es, alle Ge-schlechter in der Sprache zu repräsentieren und er wird somit zum Zeichen von Aner-kennung und Respekt. «Eine Sprache, die alle einschliesst, schadet niemandem», erklärt Tamara Boss-hardt, Gemeinderätin SP im aktuellen HAZ-Magazin, und unterstreicht die Bedeutung des Gendersterns für mehr Gleichstellung.Für viele Menschen, insbesondere in der queeren Community, bedeutet der Gen-derstern weit mehr als nur eine grammati-kalische Anpassung. Er ist ein Zeichen der Sichtbarmachung von Identitäten, die im traditionellen Sprachgebrauch oft ignoriert werden, und trägt aktiv dazu bei, das Be-wusstsein für die Diversität unserer Gesell-schaft zu schärfen. Diese Art der Sprache, die auf Inklusion setzt, ist ein wichtiger Der Genderstern ermöglicht es, alle Geschlechter in der Sprache zu repräsentieren und und er wird somit zum Zeichen von An-erkennung und Respekt. Sprache formt unser Denken und hat tiefgreifende Aus- wirkungen auf unsere sozialen Strukturen. Bilder © Adobe StockVielfältige Auswahl beim Gendern: Ob mit Doppelpunkt, Sternchen, Unterstrich oder Doppelnennung – alle Varianten bemühen sich um Inklusion.

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ANZEIGE RICHARDO’BRIEN’Sb 9.0.4osses HasKoe uTee.lleB EET ITH T ETETIET BH D THE OC HOO COP LTD.ozedee.cMit grosszügiger Unterstützung: Hauptsponsor: Co-Sponsor: Medienpartner:einen entscheidenden Punkt: Sprache ist nicht nur ein Werkzeug der Verständigung, sie formt auch die gesellschaftliche Realität.Wie Lovis Cassaris treend betont: «Sprache ist nicht neutral – sie schat Reali-tät.» Diese Aussage verweist auf die Macht der Sprache, Identitäten entweder sichtbar zu machen oder sie zu verschleiern. Wenn bestimmte Gruppen sprachlich nicht reprä-sentiert werden, wie es bei der ausschliessli-chen Verwendung des generischen Maskuli-nums oft der Fall ist, führt dies zu ihrer faktischen Unsichtbarkeit in der Gesell-schaft. Dies hat reale Konsequenzen: Men-schen, die sich sprachlich nicht repräsentiert fühlen, werden auch in gesellschaftlichen Diskursen ausgegrenzt. Ihre Teilhabe wird nicht nur eingeschränkt, sondern auch ihr Anrecht auf Anerkennung als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft in Frage gestellt. Die Verwendung des Gendersterns er-möglicht es, marginalisierte Gruppen sicht-bar zu machen, ohne auf umständliche For-mulierungen ausweichen zu müssen. Sie ist eine bewusste Entscheidung, sprachliche Gerechtigkeit und Inklusion voranzutrei-ben, indem sie geschlechterspezische Rol-lenbilder aufbricht und Diversität in der Sprache abbildet. Und genau hier liegt die Bedeutung des Gendersterns: Er sorgt da-für, dass Sprache nicht nur funktional bleibt, sondern auch gerecht wird. ➔Der Genderstern, seit Juni 2022 in der Zürcher Verwaltung etabliert, macht Vielfalt sichtbar. Die Initiative «Tschüss Genderstern!» gefährdet diese wichtige Entwicklung.«Sprache ist nicht neutral – sie schafft Realität.» Lovis Cassaris7GESELLSCHAFTZÜRICH ENTSCHEIDET ÜBER DEN GENDERSTERN

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CRUISER NOVEMBER 202488GESELLSCHAFTZÜRICH ENTSCHEIDET ÜBER DEN GENDERSTERNInternationale Beispiele: Geschlechter- gerechte Sprache weltweitZürich ist bei der Debatte um geschlechter-gerechte Sprache nicht allein. Weltweit gibt es ähnliche Bestrebungen, die Sprache in-klusiver zu gestalten:SCHWEDEN: Das geschlechtsneutrale Pro-nomen «hen» wurde 2015 in die schwedische Sprache aufgenommen und wird heute breit verwendet.USA: 2019 wurde das geschlechtsneutrale Pronomen «they» von Merriam-Webster zum Wort des Jahres gewählt.KANADA: In offiziellen Dokumenten ver- wendet die kanadische Regierung das geschlechtsneutrale «Mx.» anstelle von «Mr.» oder «Mrs.».SPANIEN: Hier wird das @-Zeichen oder «x» verwendet, um geschlechtsneutrale Begriffe wie «amig@s» zu bilden.FRANKREICH: Feminine Formen von traditionell männlichen Berufsbezeichnungen, wie «la présidente», werden immer häufiger genutzt.Seit Juni 2022 setzt Zürich auf den Genderstern, um Geschlechtergerechtigkeit in der Verwaltung zu fördern. Die Initiative «Tschüss Genderstern!» will diese Fortschritte rückgängig machen, doch der Genderstern steht für eine gerechtere und in-klusivere Sprache.Pro Genderstern – Sprache als Schlüssel zur Gerechtigkeit?Die Diskussion um den Genderstern ist mehr als nur eine Frage der Grammatik. Es geht um Gerechtigkeit und Sichtbarkeit. Sprache formt unsere Wahrnehmung der Welt und kann dazu beitragen, Stereoty-pe zu brechen. Der Genderstern ist ein wichtiges Symbol für eine gerechtere Ge-sellschaft, in der alle Menschen – unabhän-gig von ihrem Geschlecht – gesehen und re-spektiert werden. «Sprache allein reicht nicht», betont Tamara Bosshardt, «aber sie ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass Menschen nicht nur mitgemeint sind, sondern dass ihre Perspektiven tatsächlich mitgedacht werden.». ANZEIGE5 CRUISER SommER 2017sliPPerySubjeCtSVoN MARTIN MüHLHEIMC oming-out-Filme gibt es mittlerweile viele, und entsprechend unterschied-lich kommen sie daher: leichtfüssig- komisch wie der britische Klassiker Beautiful ing (1996), eher nachdenklich wie das brasilianische Kleinod Seashore (2015), bisweilen auch zutiefst tragisch – so im israelischen Drama Du sollst nicht lieben (2009), das in der ultraorthodoxen Gemein-de in Jerusalem spielt.Angesichts solcher Unterschiede er-staunt es umso mehr, mit welcher Regel- mässigkeit uns Coming-out-Filme Jungs oder Männer zeigen, die – alleine, zu zweit oder in Gruppen – schwimmen gehen. Nun könnte man das natürlich als Zufall oder Neben-sächlichkeit abtun. Bei genauerem Nachden-ken zeigt sich allerdings, dass sich gleich mehrere Gründe für diese erstaunliche Häu-gkeit nden lassen.Nackte Haut ohne allzu viel SexEine erste, nur scheinbar oberächliche Er-klärung ist, dass (halb)entblösste Körper sich nicht bloss auf der Leinwand, sondern auch auf Filmpostern und DVD-Covern äus- serst gut machen. Schwimmszenen bieten ein perfektes Alibi für das Zeigen von nack-ter Haut: Sex sells, wie es so schön heisst.Warum «Alibi»? Weil man – gerade bei Filmen mit jungen Protagonisten – aufpas-sen muss: «Sex sells» mag zwar zutreen, aber allzu explizite Sexszenen können schnell mal zu hohen Altersfreigaben füh-ren. Dies wiederum möchten Filmemacher in der Regel vermeiden: Filme, die erst ab 18 freigegeben sind, lassen sich nämlich weni-ger einfach vermarkten. Auf Amazon.de zum Beispiel werden Filme mit Altersfreiga-be 18 nur an nachweislich volljährige Perso-nen verkau – und gerade für Coming- out-Filme, die sich auch an ein junges Publi-kum richten, ist dies sicher kein wünschens-werter Eekt.Schwimmszenen bieten hier eine per-fekte Kompromisslösung: Man kann nackte Haut lmisch ansprechend inszenieren, da-bei aber allzu heisse Techtelmechtel tugend-ha vermeiden (beispielsweise, indem der Wasserspiegel immer über der Gürtellinie bleibt, wie im niederländischen Film Jon-gens, 2014). Um das Rezept knapp zusam-menzufassen: Man nehme eine grosszügige Portion feuchter Erotik, eine vorsichtige Pri-se Sex – und um Himmels Willen kein Körn-chen Porno. Eingetaucht ins TrieblebenMan täte den lesBischwulen Filmemache-rInnen aber unrecht, wenn man ihre erzäh-lerischen Entscheidungen allein auf nan-zielles Kalkül reduzieren wollte. Es gibt nämlich auch ästhetisch-symbolische Grün-de, die Schwimmszenen für das Genre inter-essant machen. Da wäre zunächst die Funktion des Wassers als Symbol für das Unbewusste. Dieses Unbewusste, so weiss man spätestens seit Sigmund Freud, hat viel mit der Triebna-tur des Menschen zu tun – und so erstaunt es nicht, dass Hauptguren auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität sozusagen symbo-lisch in die Tiefen des Unbewussten eintau-chen müssen, um ihr gleichgeschlechtliches Begehren zu entdecken. Figuren in der SchwebeDarüber hinaus hat die Filmwissenschale-rin Franziska Heller in ihrem Buch über die Filmästhetik des Fluiden (2010) gezeigt, dass schwimmende Figuren immer wieder als «schwebende Körper» inszeniert werden: o in Zeitlupe und seltsam herausgelöst aus dem sonst zielstrebig voranschreitenden Erzählprozess. Dieser Schwebezustand wie-derum ist eine wunderbare visuelle Meta-pher für die Phase kurz vor dem Coming-out: Man ist nicht mehr der oder die Alte, aber auch noch nicht ganz in der neuen Identität angekommen. Ein Film macht das Schweben sogar explizit zum ema: In Kinder Gottes aus dem Jahr 2010 zeigt Romeo dem neuro-tisch-verklemmten Johnny, wie befreiend das «Floating» im Meer sein kann.Neben der Inszenierung von Schwebe-zuständen und dem Wasser als Symbol für das Unbewusste ist drittens das Motiv von ➔ Filme, die ersT ab 18 FreiGeGeben sind, lassen sicH nämlicH WeniGer einFacH VermarKTen.ANZEIGE«Was geht mich meine Gesundheit an!» Wilhelm Nietzsche Wir sind die erste Adresse für diskrete Beratung in allen Gesundheitsfragen.Stampfenbachstr. 7, 8001 Zürich, Tel. 044 252 44 20, Fax 044 252 44 21 leonhards-apotheke@bluewin.ch, www.leonhards.apotheke.chIhr Gesu ndh eits-Coach .rz_TP_Leonhards_Apotheke_210x93.3_Cruiser_4c_280317.indd 1 28.03.2017 10:07:37

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9KULTURFILMTIPPCRUISER NOVEMBER 2024Deine Vergangenheit wirst du nicht losSich als trans zu outen – schwierig. Sich als mittelamerikanischer Drogenboss als trans zu outen – unmöglich. «Emilia Pérez» zeigt den Versuch, der scheitern muss.VON BIRGIT KAWOHLStellt man die Frage nach «echten» Männerberufen, werden sicherlich spontan solche genannt wie Bagger-führer, Fussballpro oder auch Physikpro-fessor, obwohl es natürlich für alle genann-ten und mitgemeinten Berufe zig weibliche Gegenbeispiele gibt. Aber irgendwie kann man es sich bei allen Berufen trotzdem vor-stellen, dass sich ein Mann als trans outet und eine Transition anstrebt. Nur wenige werden hingegen den Beruf, oder ist es gar eine Berufung?, des Drogenbosses auf dem Schirm haben. Genau hier setzt der spekta-kuläre Spiellm «Emilia Pérez» an, der am 21. November auch in die Schweizer Kinos kommt.Regisseur Jacques Audiard ist mit dem ca. 130 Minuten langen Film ein Meister-stück gelungen, denn er überzeugt nicht nur durch das Drehbuch (ebenfalls Audiard), sondern auch durch eine grandiose Kame-raführung sowie überraschende Musical-Elemente, die sich nahtlos in die Spielhand-lung einzufügen vermögen. Worum geht’s? Die begabte, aber noch nicht sonderlich erfolgreiche Anwältin Rita (Zoe Saldaña, grossartig), wird eines Abends entführt, was in Mexiko für Anwälte per se erst einmal nicht so aussergewöhn-lich, aber auch nicht gerade beruhigend ➔ Kann die Liebe den Hass und das Morden über-winden? Und sind Frauen die besseren Men-schen? Damit – aber nicht nur – beschäftigt sich «Emilia Pérez» auf sehr beeindruckende Weise.

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10CRUISER NOVEMBER 2024ist, und zu dem berüchtigten Maoso Mani-tas gebracht, der sein Geld (viel viel Geld) mit Drogenhandel und den dazugehörigen Geschäften verdient. Was er dann von ihr fordert, lässt Rita erst einmal die Gesichts-züge entgleiten: Sie soll dafür sorgen, dass er unerkannt eine Transition zur Frau durch-machen kann und anschliessend seine Frau und die zwei Kinder in Sicherheit (in die Schweiz!) bringen. Ein geniales Werk zwischen Oper und SpielfilmJahre später stösst Rita erneut auf Manitas, der jetzt Emilia ist und sich grundsätzlich aus seinem alten Leben zurückgezogen hat. Aber grundsätzlich bedeutet nicht endgül-tig, denn da sind seine beiden Kinder, die er wahnsinnig vermisst. Diese Sehnsucht, das merken die Zuschauer*innen schnell, ist der Anfang vom Ende, denn hiermit gerät Emilia wieder zurück in ihr altes Leben. Und auch wenn sie dieses Mal alles ganz an-ders und viel besser machen will, hat sie die Rechnung (einmal mehr) nicht mit ihren Mitmenschen gemacht.Der Film wird von den drei mehr als sensationellen Hauptdarsteller*innen ge-tragen: Zoe Saldaña als Rita, Karla Soa Gascón als Manitas / Emilia sowie Selena Gomez als Manitas‘ Ehefrau Jessi. Vor allem Saldaña – die Regisseur Audiard so passend für die Rolle fand, dass er mit den Drehar-beiten ein Jahr auf sie wartete – und Gascón – selbst transgender - gelingt es immer wie-der, übergangslos vom gesprochenen in den gesungenen Text zu wechseln und dadurch dem Film einen ganz besonderen Drive zu geben.Diese Gesangseinlagen mögen für ei-nen Spiellm zunächst einmal gewöhnungs-bedürftig sein, Audiard erklärt dazu in ei-nem Interview, dass er beim Schreiben des Drehbuchs gemerkt habe, dass hier grosse Ähnlichkeiten mit einem Opernlibretto be-stünden, und er zudem schon länger damit geliebäugelt habe, eine Oper zu inszenieren. Schliesslich habe er sich dann für eine gen-reübergreifende Produktion entschieden, was ja wiederum zu dem geschlechtsüber-greifenden Charakter Manitas / Emilia bes-tens passt.Die gesanglichen Intermezzi, oft un-terstützt von durchdachten und perfekt per-formten Choreograen, stehen dabei mehr-fach im Kontrast zur brutalen Männlichkeit, die Manitas und seine Männer verkörpern. Die Welt ist eben nicht nur Schwarz oder WeissAudiard spricht in dem Interview daher auch von einer Erlösungsgeschichte und der Frage, ob ein Geschlechterwechsel dazu führen kann, die Gewalt von Männern in ei-nem anderen Licht zu sehen. Inwiefern das wirklich gelingt, sind man im Film sehr ein-drücklich und teilweise schockierend. Hier Die trans Schauspielerin Karla Sofia Gascón bringt ihre eigenen Erfahrungen authentisch in die komplexe Rolle des Drogenbosses Manitas / Emilia ein.Emilia steht bald dank ihres wohltätigen Engagements im Rampenlicht und geniesst dies sichtlich.Diese Sehnsucht, das merken die Zuschauer*innen schnell, ist der Anfang vom Ende, denn hiermit gerät Emilia wieder zu-rück in ihr altes Leben. Karla Sofia Gascón (Emilia) und Zoe Saldaña (Rita) in einer zentralen Szene des Films: Die trans Schau-spielerin Gascón und Saldaña als ihre Anwältin tragen die Geschichte mit beeindruckender Intensität.Bilder © WHY NOT PRODUCTIONS / PATHÉ FILMS / FRANCE 2 CINÉMA / SAINT LAURENT PRODUCTIONS / Shanna Besson10

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ANZEIGEPrEP fürCHFApotheke Schaffhauserplatzswissprep.chIm Webshop oder in der ApothekeSeminarstrasse 1 8057 Zürich 044 361 61 61KULTURFILMTIPP11gibt es denitiv kein Schwarz und Weiss, die Welt wird gezeigt, wie sie ist, in allen ihren Grautönen. Die Frage, ob eine Welt ohne Männer oder vielleicht besser ohne Männ-lichkeit eine bessere wäre, beantwortet der Film nicht endgültig, denn dann müsste er sich ja wiederum für Schwarz oder Weiss entscheiden. Wie anstrengend der Dreh auch war, macht eine Aussage von Saldaña (Rita) deutlich, die darüber spricht, dass man für manchen Tanz- und Gesangsszenen mona-telang geübt habe. Dieser Hang zur Perfekti-on macht sich absolut bezahlt, da alle Sze-nen leicht und spielerisch aussehen, man merkt die Anstrengung zu keiner Zeit. Viel-EMILIA PÉREZ (FRANKREICH, MEXIKO, USA)Regie: Jacques AudiardDrehbuch: Jacques Audiard, Thomas BidegainMit: Zoe SaldañaKarla Sofía GascónSelena GomezAdriana PazEdgar RamírezEmilia Pérez startet in der Deutschschweiz am 21. November 2024leicht liegt das auch daran, dass sie Audiard vorab viele Gedanken gemacht hat, dass er das ema Gesellschaft im Blick hat und selbstverständlich, dass er sich Pros an Bord geholt hat, die seine lmischen Visio-nen teilen, sodass aus einer Idee, geboren in der Corona-Zeit, ein grandioser Spiellm werden konnte, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte... Eine der grandiosen Tanz- und Gesangsszenen zeigt hier Rita (Zoe Saldaña) bei einer Wohl- tätigkeitsveranstaltung, bei der Emilia für Ver- misste und Ermordete Geld sammelt.Audiard spricht in dem Interview daher auch von einer Erlösungsgeschichte und der Frage, ob ein Geschlechterwech-sel dazu führen kann, die Gewalt von Männern in einem anderen Licht zu sehen.

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12CRUISER NOVEMBER 2024COMMUNITYBI – DER GERINGGESCHÄTZTE BUCHSTABEBisexualität – Liebe ohne TunnelblickDie Frage nach der Sexualität sollte 2024 eigentlich kein Problem mehr sein. Doch Bisexuelle stossen immer noch häufig auf UnverständnisVON BIRGIT KAWOHLWas haben Felix Jaehn, Miley Cyrus, Harry Styles und Lady Gaga ge-meinsam? Ja, sie sind alle weltbe-rühmte Künstler und gehören zu den Top-Schaenden im Musikgeschäft. Aber nicht nur deswegen kann man sie in einem Atem-zug nennen. Auch in ihrer Sexualität haben sie Gemeinsamkeiten, denn sie denieren sich alle als bisexuell.Bisexuell, höre ich da schon ein paar dunkle Stimmen murmeln, sind das nicht die Leute, die sich nicht entscheiden kön-nen? Die immer allen die Partner*innen wegschnappen, weil sie auf alles stehen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist? Die-jenigen, die nicht treu sein können, weil die Anziehungskräfte an jeder Ecke bzw. in je-dem Menschen lauern?Äh, nein und danke, dass wir das mit den Vorurteilen gerade zu Beginn abhaken können. Es geht bei Bisexualität viel mehr um eine grundsätzliche Oenheit und Fle-xibilität, nicht um die Jagd nach möglichst vielen sexuellen oder romantischen Kon-takten, weswegen man es mit dem Ge-schlecht nicht so ernst nimmt.So äusserte sich auch die Schauspiele-rin Kirsten Stewart vor Jahren gegenüber «e Guardian» zu dem Vorurteil: «Man ist nicht verwirrt, wenn man bisexuell ist. Für mich ist es genau das Gegenteil.» Das hat sie doch schön und deutlich formuliert.Nicht heterosexuell = homosexuell?Wie Julia Shaw in ihrem viel beachteten Buch «Bi. Vielfältige Liebe entdecken.» aus dem Jahr 2022 feststellt, gilt auch heute meist noch die grundsätzliche Annahme, dass alle Menschen heterosexuell seien, es sei denn, der*diejenige beweist das Gegenteil. Alleine dieser Umstand ist schon anstrengend und oft auch beschämend. Im zweiten Schritt wird dann aber automatisch davon ausge-Bilder © Creative CommonsSeit 2008 ist Lady Gaga («Fame») nicht mehr von den grossen Bühnen wegzudenken. Gleichzeitig engagiert sie sich immer wieder für die queere Community.

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gangen, dass jemand, wenn schon Heterose-xualität nicht zutrit, homosexuell sein muss. Die Verwirrung, die sich Bahn bricht, wenn auch das verneint wird, äussert sich danach meist in mehr oder weniger unver-hohlenen Vorurteilen, von denen oben ein paar genannt wurden. Oensichtlich sind den meisten Menschen klare Kategorien so wichtig, dass sie ohne fest denierte Grenzen nicht leben können. Wir haben es im letzten Cruiser beim ema De-Transition gesehen, ebenso geht es der Gruppe der Bisexuellen, die auch häug gerade in der LGBT*-Com-munity angegrien werden. Zudem hat man manchmal das Gefühl, dass das B als einer der «Stammbuchstaben» der Queerness häug an den Rand gedrängt wird und ir-gendwie nicht populär ist.Das mag auch daran liegen, dass der Begri zunächst nicht explizit zur Beschrei-bung sexueller Vorlieben genutzt wurde, sondern eigentlich in der Biologie auf herm-aphroditische Lebewesen angewandt wur-de, also z. B. Regenwürmer oder auch Can-nabis. Erst Ende des 19. Jahrhunderts taucht mit dem deutschen Psychiater Krat-Ebing die Bezeichnung Bisexualität für Men-schen, die beide Geschlechter lieben und mit ihnen sexuelle Kontakte haben, auf.Erregte Sexualorgane = bi?Wenn die Vorurteile so explizit sind, wie kann man Menschen dann dazu bringen, sich als bisexuell zu bezeichnen? Dass dies-bezüglich Tests, wie sie noch Anfang der 2020er-Jahre durchgeführt wurden nicht besonders erfolgsversprechend sind, leuch-tet schnell ein: Julia Shaw bezieht sich in ➔ Erst Ende des 19. Jahrhunderts taucht mit dem deutschen Psy-chiater Krafft-Ebing die Bezeich-nung Bisexualität für Menschen, die beide Geschlechter lieben und mit ihnen sexuelle Kontakte haben, auf.Felix Jaehn ist einer der ganz Grossen im Techno- Business. Sein Outing als bisexuell und non-binär war eine riesige Befreiung für ihn.ANZEIGEKAMMERSPIELE SEEB DAS THEATERERLEBNIS IN BACHENBÜLACH!INFOS & TICKETSkammerspiele.ch +41 44 860 71 47Inserat_Kammerspiele_CruiserMagazin.indd 1Inserat_Kammerspiele_CruiserMagazin.indd 1 20.10.20 17:0520.10.20 17:05

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14CRUISER NOVEMBER 2024ihrer Monographie auf eine Untersuchung, in der Mann die Penisreaktion bei Männern beim Zeigen von verschiedenen sexuellen Akten gemessen hat. Bei derartigen physio-logischen Untersuchungen kommt es ver-ständlicherweise zu gröberen Ungenauig-keiten: An was hat der*die Proband*in wirklich gerade gedacht? Aus welcher Situa-tion heraus kam er*sie zur Untersuchung? Was stand nach dem Test noch an? Dies sind nur einige Aspekte, die das Untersuchungs-ergebnis (stark) verfälschen können. Zudem ist es wahrscheinlich, dass sich eher sexuell oene Personen auf einen solchen Test ein-lassen. Wobei sich auch die nicht immer si-cher sind, was in ihren Körpern vorgeht, wie der weltberühmte DJ Felix Jaehn (*1994) ge-genüber dem «Zeit-Magazin» gestand: «Ich dachte immer, dass ich eines Morgens auf-wache und mir ganz klar darüber bin, was ich eigentlich will. Aber das war bisher noch nicht der Fall». Jaehn outete sich 2018 als bi-sexuell und Anfang des Jahres als gender-uid.Zu ähnlich wahnsinnig ungenauen und auch unglaubwürdigen Ergebnissen kommt eine Studie der Universität Essex aus dem Jahr 2015, die Laura-Martie Löwen auf emotion.de vom 06.06.2023 zitiert. Gemäss dieser Studie seien Frauen entweder les-bisch oder bisexuell, jedoch nie heterosexu-ell, so der Studienleiter Gerulf Rieger. Eine interessante Erkenntnis, die Rieger wie folgt erklärte: Er habe 345 Probandinnen eroti-Die Autorin Shaw hält die Frage, ob sich jemand als bisexuell definiert, für ebenso fragwürdig in Bezug auf valide Ergebnisse.Bilder © Creative Commonssche Filme von masturbierenden Männern und Frauen gezeigt und dabei die sexuelle Reaktion der Teilnehmerinnen anhand der Vergrösserung ihrer Pupillen sowie Senso-ren im Genitalbereich erfasst. Dabei sei her-ausgekommen, dass 82 % der Frauen sowohl auf Männer als auch Frauen im Film erregt reagierten. Und: 74 % der Frauen, die sich selbst als heterosexuell eingeordnet hatten, liessen sich auch von den gezeigten Frauen erregen. Gelegentlich homosexuell = bi?Die Autorin Shaw hält die Frage, ob sich je-mand als bisexuell deniert, für ebenso frag-würdig in Bezug auf valide Ergebnisse. Auf eine solche Frage würden die meisten auf-grund der zu erwartenden Vorurteile eher ablehnend und verneinend reagieren. Grös-sere Oenheit erfahre man bei Fragestellun-gen, die sich mit persönlichen sexuellen Er-fahrungen oder Fantasien befassten. Hier berichteten dann durchaus mehr Menschen von diversen Wünschen oder Erlebnissen.Insgesamt ist festzustellen, dass sich trotz allem eine genaue Prozentzahl nur schwierig ermitteln lässt und so schwanken die Angaben von 0,5 – 3 % bis hin zu 20 %. Wie immer bei Statistiken wird die Zahl irgend-wo in der Mitte liegen.Neben den physiologischen Tests wird häug die sogenannte Kinsey-Skala zur Ein-schätzung sexueller Vorlieben herangezo-gen. Diese sortiert die sexuelle Orientierung in verschiedene Stufen, wobei die Stufen 1 bis 5 dem bisexuellen Spektrum zugeord-net werden.• 0: Ausschliesslich heterosexuell• 1: Überwiegend heterosexuell, nur gelegentlich homosexuell• 2: Überwiegend heterosexuell, aber mehr als gelegentlich homosexuell• 3: Gleichermassen heterosexuell wie homosexuell• 4: Überwiegend homosexuell, aber mehr als gelegentlich heterosexuell• 5: Überwiegend homosexuell, nur gelegentlich heterosexuell• 6: Ausschliesslich homosexuell• 7: Keine sexuellen Kontakte oder ReaktionenWas heisst nun gelegentlich oder mehr als gelegentlich? Das ist ebenso ungenau wie die Einschätzung «regelmässig». Hier hat jede*r eine eigene Vorstellung, die zu grossen Ungenauigkeiten führen kann. WEITERFÜHRENDE LITERATURJulia Shaw: Bi. Vielfältige Liebe entdecken. Hanser Verlag 2022.Preis CHF 39.90 ISBN 978-3-446-27293-4Julia Shaw, Rechtspsychologin, Autorin und Expertin für falsche Erinnerungen, hat sich auch intensiv mit dem Thema Bisexualität beschäftigt. In ihrem Buch «BI: Vielfältige Liebe entdecken» setzt sie sich dafür ein, die Unsichtbarkeit und Vorurteile gegenüber bisexuellen Menschen abzubauen.COMMUNITYBI – DER GERINGGESCHÄTZTE BUCHSTABE

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15CRUISER NOVEMBER 2024COMMUNITYBI – DER GERINGGESCHÄTZTE BUCHSTABE1515Ebenso spielen hier Denitionen bestimm-ter Glaubensanschauungen eine wichtige Rolle: Ist ein Blow-Job Sex? Hat man auch Sex, wenn das Gegenüber nicht hübsch ist? Macht es einen Unterschied, ob man aktiv oder passiv ist? Alle Menschen lieben = bi?Das Spektrum der Buchstaben im queeren Universum ist ja vor ein paar Jahren stark angewachsen. Wenn in aufgeklärten Krei-sen lange Zeit von LGBT gesprochen wurde, wuchs die Reihe nach und nach an. Heute ndet man das Akronym-Ungetüme wie LGBTTIQQAA*, um allen Gruppierungen gerecht zu werden. Wir haben uns beim Cruiser auf den Stamm plus Stern geeinigt, wobei * für alle diejenigen steht, die sich eben nicht den ersten vier Kategorien zuge-hörig fühlen. Damit ist keine qualitative Ab-wertung (oder umgekehrt eine Aufwertung Die Vielfalt ist auch innerhalb der bisexuellen Stars riesig. Miley Cyrus und Harry Styles sind zwei weitere Belege dafür, dass ein Outing keinen Karriereknick bedeuten muss – und das ist gut so.der ersten Buchstaben gemeint), es hat für uns vor allem pragmatische Gründe. Jeden-falls gibt es nun viel mehr Möglichkeiten, die eigene Sexualität zu beschreiben und so ist es auch zu einer Dierenzierung bzw. Neu-benennung derjenigen gekommen, die nicht nur ein Geschlecht lieben. Neben den Bise-xuellen nden wir nun auch Pansexuelle, die sich insofern von den Bisexuellen unter-scheiden, als dass sie unabhängig vom Ge-schlecht lieben. Das heisst, auch Genderu-ide, Intersexuelle und Transsexuelle sind in diesem Begri inkludiert.Auch wenn die Begriichkeiten viel-leicht manchmal schwierig sind und jede*r Einzelne vielleicht einen langen Weg gehen muss, um die eigene Sexualität zu erken-nen, trotzdem sollte es letztendlich zu einer Zufriedenheit mit dem eigenen Ich führen und von allen anderen zu einer grösstmög-lichen Akzeptanz. Denn nicht alle können Bilder © Creative Commonsmit ihrer Sexualität so cool und selbstbe-wusst umgehen wie der 51-jährige Billie Joe, der Sänger der Punk-Band «Green Day», dessen Outing schon mehr als 20 Jahre her ist und der gegenüber «e Advocate» fest-stellte: «Ich war schon immer bisexuell. Das ema hat mich auch schon immer be-schäftigt. Ich denke nämlich, dass jeder Mensch bisexuell geboren wird. Es sind nur unsere Eltern und die Gesellschaft, die uns das Gefühl geben, dass es etwas Verbotenes ist. Es ist in unseren Köpfen verankert, dass es etwas Böses ist. Aber das ist nicht so. Ei-gentlich ist es sogar sehr schön.».

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16KOLUMNEMICHI RÜEGGCRUISER NOVEMBER 2024VON MICHI RÜEGGS ehr geehrte Herren» stand da auf dem Briefentwurf, den meine Mutter ge-schrieben hatte. Auf meine Interven-tion hin, sie solle doch bitte die Damen mit-begrüssen, fand Mutter lapidar, sie habe das so gelernt. Mittlerweile haben die Damen Einzug in die Briefanrede gehalten. Es habe sie übrigens schon zu ihrer Zeit gegeben, ge-stand Mutter ein. In Form einer Frau Doktor, beim Bundesamt, auf dem sie nach ihrer Lehre arbeitete. Die sei aber beruich so iso-liert gewesen, dass sie frustriert den Bettel geschmissen habe und ins Kloster gegangen sei. Das war dann wohl das beruiche Ende von Frau Dr. Zimmerling.Wie alle Behörden hält sich auch die Stadt Zürich an Grundsätze der sprachlichen Gleichstellung. In den städtischen Richtlini-en dazu steht, dass man entweder ge-schlechtsneutrale Formen («Zufussgehen-de») oder den Genderstern («Fussgänger*in- nen) verwenden solle. Die Stadt Zürich ist damit eine der we-nigen deutschsprachige öentlichen Ver-waltungen, die den Genderstern verwendet. Auch in Hamburg darf mit Stern gegendert werden. In Bayern und anderen Bundeslän-dern ist der Stern hochoziell verboten. Die Schweizer Bundesbehörden verwenden ihn nicht.Nun muss die Zürcher Stimmbevölke-rung darüber benden, ob dem Stern nicht der Garaus gemacht werden soll. Ein Komi-tee aus mehrheitlich SVP-Politiker*innen hat eine entsprechende Initiative lanciert. Sogar ein Ex-SP-Kantonsrat ist dabei, der sich beim Bier für mehr Vielfalt in der Spra-che engagiert als in jungen Jahren als Redak-tor für illustrierte Zeitschriften, die vor Jahr-zehnten eingegangen sind. Und der sich heute vor islamischen Zuwanderern (wohl ausschliesslich männlichen) fürchtet. Auch Isabel Garcia kämpft gegen das Sternchen. Bekannt ist sie den meisten, weil sie sich als Grünliberale in den Kantonsrat wählen liess und postwendend ihren Wähler*in-nen den Stinkenger zeigte und zur FDP überlief. Das Bundesgericht fand neulich, dieses Verhal-ten gehe gar nicht. Und dann ist da noch Markus Hungerbühler, der einst meinte, er sei die neue Führungsgur in der städti-schen CVP, dann aber aus dem Parlament og. Er gehört zur Sorte Politiker, die immer dann als schwul auftreten, wenn es ihnen gerade etwas bringt und sich sonst einen Dreck um die Community kümmern. Unterstützt wird das Komitee von enorm vielen Menschen, die ausserhalb der Stadt, ja ausserhalb des Kantons und sogar im Ausland wohnen. So wichtig ist diesen Leuten, dass etwa queere Kund*innen der städtischen Elektrizitätswerke nicht mehr korrekt angesprochen werden.Die selbsternannten Hüter*innen der Sprache nach altväterlicher Schreibweise fürchten, dass Texte nicht mehr verständlich seien, wenn klar alle Geschlechter angespro-chen werden. Sie glauben, dass dies der Tod der Grammatik sei. Nota bene ist die heutige Grammatik ein junges Pänzchen. Noch vor 200 Jahren wurde die deutsche Sprache ganz anders geschrieben. Und zum Zeitpunkt meiner Geburt waren Sprache und Recht-schreibung auch nicht dieselbe wie heute. Aber das interessiert die Initiant*innen nicht. Ihnen gehts schliesslich auch nicht um die Sprache. Sondern ums Prinzip. Denn das Mitmeinen aller Menschen, egal, welche Geschlechtsidentität ihr Dasein prägt, das passt nicht zu Adam und Eva. Und das Bibel-paar ist für stockkonservative Menschen halt noch immer das Mass aller Dinge. Ich habe es schon oft gesagt und ge-schrieben: Man muss den Genderstern nicht lieben. Man muss ihn auch selbst nicht ver-wenden. Aber was liegt den Leuten bloss da-ran, anderen dies verbieten zu wollen? Das ist sprachliche Repression. Und sie hat im Jahr 2024 in einer Stadt wie Zürich mit ihrer langen und bunten queeren Geschichte nichts verloren.Ob es wohl Mitglieder das Anti-Gen-derstern-Komitees waren, die mitten in der Stadt einen Vandalen-Akt ausführten? Denn am Amtshaus V auf einer gravierten Tafel stand seit zwei Jahren unter dem Tiefbau- und Entsorgungsdepartement «Vorsteher*-in». Stadträtin Simone Brander liess den Hin-weis auf ihren Amtssitz so einsetzen, auch mit der Idee, dass bei einem Wechsel nicht wieder alles neu gemacht werden muss. Doch vor einer Weile zerstörte ein*e Sprachterrorist*in den kleinen Stern mit Ge-walt. Wo er stand, ist nun eine zerkratzte Flä-che zu sehen.Vielleicht möchte es das Komitee ge-gen den Genderstern auch so handhaben wie der Imperator aus Star Wars, falls es die Abstimmung diesen Monat verliert. Mit Ge-walt jeden einzelnen Stern zerstören. In Bayern und anderen Bundes-ländern ist der Stern hochoffziell verboten. Die Schweizer Bundes- behörden verwenden ihn nicht.Die Sternzerstörer gehen ans WerkIn Zürich will ein sprachlicher Ku-Klux-Klan den Genderstern verbieten. Ein Opfer hat ihr Fanatismus bereits gefordert.

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CRUISER NOVEMBER 202417CRUISER EMPFEHLUNGVOLVO EX90Jetzt geht’s los! Der vollelektrische Premium-SUV Volvo EX90, das neueste Meister- werk aus Schweden, wird in Kürze auf unseren Strassen zu sehen sein.Ein elektrisches Powerpaket mit Style und Verantwortung Der EX90 setzt neue Massstäbe in den Bereichen Sicherheit, Nachhaltigkeit und Technologie – Volvo hat das Rad mal wie-der neu erfunden!Der EX90 basiert auf der modernen SPA2-Architektur und ist mit ei-nem hochentwickelten Lidar-Sensor ausgestattet, der den Strassen-verkehr sicherer macht. Mit bis zu 517 PS unter der Haube und einer beeindruckenden Reichweite von bis zu 614 Kilometern verspricht der SUV nicht nur Power, sondern auch Vielfalt: Ob fünf, sechs oder sieben Sitze – hier gibt es für alle die passende Konguration.Der EX90 ist das erste Modell, das komplett durch Software und Core Computing deniert wird. Ein echter Gamechanger! Der in das Fahrzeug integrierte KI-Computer basiert auf der NVIDIA DRIVE® Plattform, kombiniert mit der Snapdragon Cockpit-Plattform von Qualcomm. Das Ergebnis? Intelligente Assistenzsysteme, die das Fahren nicht nur sicherer, sondern auch smarter machen – der per-fekte Begleiter für den modernen Lifestyle.Ein Roadtrip mit Verantwortung Und was könnte ein solches Auto besser präsentieren als ein Roadtrip quer durch die USA? Volvo Präsident und CEO Jim Rowan hat den EX90 über 950 Kilometer durch drei US-Bundesstaaten getestet – von kalifornischen Highways bis zu abgelegenen, kurvenreichen Stre-cken. Sein Fazit? «Der Volvo EX90 ist das beste Auto, das wir je gebaut haben.» Diese Fahrt hat einen neuen Massstab gesetzt und zeigt, was in Sachen E-Mobilität heute möglich ist.Natürlich spiegelt der Volvo EX90 auch den Wertewandel wider, den viele Menschen – besonders innerhalb der LGBT*-Community – heute erleben. Das Bedürfnis nach Nachhaltigkeit, Verantwortung und technologischer Innovation ist hier längst kein Nischenthema mehr. Ähnlich wie der EX90, der sich mit seiner vollelektrischen Technologie zukunftsorientiert präsentiert, steht die LGBT*-Com-munity an vorderster Front, wenn es darum geht, neue, fortschrittli-che Lebensstile und Werte in den Mainstream zu bringen. Ein State-ment für Diversität auf den Strassen, das nicht nur gut aussieht, sondern auch gut für den Planeten ist!Produziert wird der Volvo EX90 bereits in einem hochmoder-nen Werk in South Carolina, das auf 150'000 Fahrzeuge pro Jahr aus-gelegt ist. Weitere Infos: www.volvocars.ch/EX90EMPFEHLUNG VON TEAM CRUISER

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18CRUISER NOVEMBER 2024SERIEHOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURWenn Sportler laut und deutlich zu ihrem Mann stehenSportler*innen sind in Bezug auf ihre sexuelle Ausrichtung gelöster als früher. Mit Coming-outs kämpfen sie gegen eine einst tödliche Diskriminierung.VON ALAIN SORELAthlet*innen kennen ihren Körper aus dem Ee und können ihn zu Höchstleistungen anspornen. Sport-ler setzen ihre physische Leistungskraft ein, um Siege zu erringen, Trophäen zu gewin-nen. Wettkämpfer*innen haben mit ihren Körpern aber auch abseits der Arena, der Schwimmhalle oder des Recks der Renn-strecke Leben. Ein Sexualleben, beispiels-weise. Mit Neigungen und Präferenzen.Man weiss von Sportler*innen, die nicht der heterosexuellen Norm entspre-chen, dass sie mit sich regelrechte Kämpfe ausgefochten haben, ob sie sich endlich ou-ten sollten. Sie zögerten, fürchteten sich wohl vor Diskriminierung. Sprung ins kalte WasserWas Athlet*innen von heute anbelangt: Es gibt längst solche, die kein Geheimnis mehr aus ihrer gleichgeschlechtlichen Ausrich-tung machen. Vereinzelt haben sich Fuss-baller geoutet. Teilnehmer*innen anderer Sportarten sind diesbezüglich prominenter vertreten. An den Wettkämpfen in Paris im Sommer 2024 waren dabei: der Dressurrei-ter Frederic Wandres und der Judoka Timo Cavelius. Und natürlich der Wasserspringer Tom Daley, der mit seinem Sprungpartner Noah Williams Silber holte vom 10-m-Turm. Ein Comeback, das er da schate nach einer bereits erfolgreichen, langjährigen und nicht immer leichten Sportlerkarriere. Weil er in seinem Leben viel Hass hat erfah-ren müssen, zögerte er mit dem Outing, doch längst steht er zu seiner Neigung, ist ➔ Tom Daley, der britische Olympia-Turmspringer, outete sich 2013 als schwul.Wasserspringer Tom Daley ist mit einem Mann verheiratet.Bilder © Shutterstock / Adobe Stock

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19SERIEHOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURmit einem Mann verheiratet und hat mit ihm via Leihmutterschaft zwei Kinder. Er wagte gewissermassen den Sprung ins kalte Wasser. Insgesamt ist der Trend in diesem ganzen Komplex also positiv zu werten. Mindestens 193 der rund 10’500 Athleten sollen in Paris oen der LGBT*-Community angehört haben, was aber noch lange nicht der Repräsentanz dieser Menschen in der Gesellschaft entspreche, hiess es von dieser Community-Seite. Ja, zu sich und seiner sexuellen Nei-gung zu stehen, ist eine ganz eigene Diszip-lin, die mit Gold nicht aufzuwiegen ist. Umso erfreulicher ist es, dass sich die be-troenen Wettkämpfer*innen ganz oen-sichtlich frank und frei fühlen, wenn sie den Schritt mal getan haben. Das Versteck-spiel ist zu Ende.Nackter Auftritt in der AntikeBuchstäblich kein Versteckspiel mit ihrem Leib trieben Wettkämpfer einer längst zu-rückliegenden Epoche. Die Athleten der antiken Olympischen Spiele kämpften nämlich nackt, wie das Magazin «Antike Welt» schreibt, «so wie auch die Göttersta-tuen nackt waren, die ihrerseits den be-wunderten Körpern der Athleten nachge-bildet wurden». In der Antike bekamen deshalb all jene, die am Sport – aber nicht nur an ihm – interessiert waren und die mühsame Anreise zu den Olympischen ➔ «So wie auch die Götterstatuen nackt waren, die ihrerseits den bewunderten Körpern der Athleten nachgebildet wurden.»Die Athleten der antiken Olympischen Spiele kämpften nackt.ANZEIGEpinkcross.chPink Cross setzt sich dafür ein, dass schwule und bisexuelle Männer in der Schweiz gesetzlich gleichgestellt und gesellschaftlich akzeptie werden.Werde jetzt Mitglied und kämpfe mit uns für eine oene Schweiz!Für Romeo & Romeo

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20CRUISER NOVEMBER 202420SERIEHOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURJulius Hirsch (unten, zweiter von rechts) mit der Meister-mannschaft des KFV 1910. Hirsch spielte als Stürmer und galt als einer der besten Fussballer seiner Zeit, er wurde von den Nazis schliess-lich vergast.HOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURMehr oder weniger versteckt findet sich das Thema Männerliebe in der Weltgeschichte, der Politik, in antiken Sagen und traditionellen Märchen – aber auch in Wissenschaft, Technik, Computerwelt. Cruiser greift einzelne Beispiele heraus, würzt sie mit etwas Fantasie, stellt sie in zeitgenössische Zusammenhänge und wünscht bei der Lektüre viel Spass – und hie und da auch neue oder zumindest aufgefrischte Erkenntnisse. Spielen nicht scheuten, durchaus etwas zu sehen für ihren Aufwand.Natürlich waren die jungen kräftigen, muskulösen, geschmeidigen, straen, durchtrainierten Körper, die sich in jener Epoche in ihren Disziplinen massen, von unglaublicher erotischer Ausstrahlungs-kraft und damit ein Blickfang für die Zu-schauer. Das weckte zweifellos Begehrlich-keiten. Ach, wie viele aus dem Publikum mochten da auf Augenkontakt gehot ha-ben … In eine Vernichtungsmaschinerie geratenGanz andere Olympischen Spiele, die nicht der Leichtigkeit des Seins dienten, fanden 1936 in Berlin statt. Hitler und seinen Spiess-gesellen war der Anlass gerade gut genug, um ihn als gigantische Propagandaschau zu nutzen. Sie wurden keine Sekunde lang nachdenklich, zogen keine Schlüsse aus dem Zweck der Spiele, der in der Völkerver-ständigung durch ein Zusammentreen ver-schiedenster Ethnien zu friedlichem Wett-bewerb bestand. Sie setzten den Weg fort, der sie zum schlimmsten Menschheitsver-brechen führte, das die Geschichte kennt. Gerade das nationalsozialistische Deutschland zeigte, dass Sportler*innen in einem totalitären Staat an Leib und Leben bedroht sein können, wenn sie einer Min-derheit angehören. Einer, welcher der natio-nalsozialistischen Vernichtungsmaschine-rie zum Opfer el, war Julius Hirsch, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts einer der er-folgreichsten deutschen Fussballspieler und zweifacher Meister. Im Trikot der Deutschen Nationalmannschaft gab er alles für seine Leidenschaft. 1892 in eine jüdische Karlsru-her Familie hineingeboren, war Deutsch-land für ihn sein Vaterland, für das er wie auch viele andere jüdische Mitbürger dieses Staates im Ersten Weltkrieg unter Einsatz seines Lebens kämpfte. Seinen Karlsruher Fussball Verein schoss er als erfolgreicher Linksaussen 1910 zur deutschen Meister-schaft. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 lernte er als Angehöriger der jüdischen Minderheit Ausgrenzung und Verfolgung kennen und zerbrach daran. Erst seelisch, aber sein Leidensweg war damit längst nicht zu Ende; er sollte ihn bis zum Äussersten ge-hen müssen. Seine Sportlerkarriere ver-mochte ihn nicht zu schützen. Hirsch wurde zur Zwangsarbeit in Karlsruhe verpichtet. Am 1. März 1943 schliesslich erfolgte seine Deportation nach Auschwitz-Birkenau, wo er oenbar direkt nach seiner Ankunft in die Gaskammer getrieben wurde. Er wäre auch ins Konzentrationslager gekommen, wenn er homosexuell gewesen wäre.Hoen wir, Sportereignisse wie Olym-pische Spiele könnten künftig von totalitä-ren Regimes nicht mehr missbraucht wer-den und würden auch als Auftrag zur Menschlichkeit begrien. Denn der Sport sollte doch, trotz der Wettkampfstimmung, letztlich ein grosses festliches Miteinander sein. Bild links © Wikipeida

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21JUBILÄUM15 JAHRE MEN BODYWORKJulian Martin hat mit Men Bodywork ein facettenreiches Ange-bot geschaen, das über die klassische Massage weit hinaus-geht. Hier geht es nicht nur um Entspannung, sondern um die bewusste Verbindung von Körper und Sexualität. Im Laufe der Jahre hat Martin sein Angebot erweitert und integriert inzwischen auch Elemente aus dem BDSM. Damit erönet er seinen Kunden neue Möglichkeiten, ihre körperliche und emotionale Seite zu erkunden.Shibantra: Die Kunst der sinnlichen Fesselung Besonders hervorzuheben sind die sogenannten Shibantra Sessions, eine einzigartige Mischung aus der japanischen Fesselkunst Shibari und sinnlicher Massage. Diese intensive Erfahrung spricht Körper und Geist gleichermassen an und sorgt für eine tiefgreifende, trans-formative Berührungserfahrung. Es ist ein Angebot, das besonders Männer anspricht, die sowohl die körperliche als auch die emotiona-le Ebene tiefer erleben möchten.Naked Men Festival: Ein Geheimtipp für cis und trans Männer Ein weiteres Highlight von Men Bodywork ist das Naked Men Festi-val, das sich in den letzten Jahren als echter Geheimtipp etabliert hat. Zwei Mal im Jahr kommen cis und trans Männer aus aller Welt nach Zürich, um an Workshops teilzunehmen, die emen wie Consent, Körperarbeit, Bodypositivity, Tanz und BDSM abdecken. Dabei geht es nicht nur um körperliche, sondern auch um seelische und emotio-nale Entfaltung. NAKED MEN RETREAT: Luxus und Achtsamkeit auf Mykonos Das exklusive «NAKED MEN RETREAT» auf Mykonos bringt bis zu zehn Teilnehmer* in einer Woche voller Yoga, Workshops und Ge-meinschaft in einer Luxusvilla zusammen. In der Nähe des berühm-ten Gaystrandes Elia erleben die Teilnehmer* eine Mischung aus Ent-spannung, Körperarbeit und persönlichem Wachstum. Das nächste Retreat ist bereits für Mai 2025 geplant.Workshops in Zürich: Mehr als nur Berührung Auch in Zürich wird weiterhin experimentiert. Am 16. und 17. No-vember führt Julian Martin gemeinsam mit dem Physiotherapeuten Oliver Hornbogen ein Workshopwochenende durch. Im Fokus: Sinnliche Massagen, Body2Body und Genitalmassagen. Für alle, die tiefer in die Kunst der Berührung eintauchen wollen, eine einzigar-tige Gelegenheit.Julian Martin bleibt neugierig und oen für neue Ansätze. Das 15-jährige Jubiläum ist ein Meilenstein, der zeigt, wie sich Men Body-work stetig weiterentwickelt. Die Zukunft hält noch viele sinnliche Entdeckungen bereit. Weitere Infos:www.menbodywork.chwww.naked-men.chEMPFEHLUNG VON TEAM CRUISEREin Ort für Männer, die Berührung neu entdecken Seit 15 Jahren bietet Men Bodywork in Zürich eine ganz besondere Erfahrung für Männer*, die Körperarbeit und Sinnlichkeit auf eine einzigartige Weise vereint.

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22CRUISER NOVEMBER 2024KULTURQUEERES FILMFESTIVAL IN LUZERNBilder © xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxVom 13. bis 16. November 2024 steht Luzern im Zeichen des legendären Festivals PinkPanorama. Gezeigt werden herausragende queere Filme. Queere Kino-Highlights aus aller WeltVON MANUELA SPECKERBereits zum 23. Mal in Folge ermögli-chen die Organisator*innen eine Tour d’Horizon durch das queere Film-schaen, das in dieser Weise in der Region sonst nirgendwo zu sehen ist. Es lockt eine sorgfältig kuratierte Filmauswahl, die unter-schiedlichen Ansprüchen gerecht wird und sowohl formell wie inhaltlich eine grosse Bandbreite abdeckt.Diesmal wird das Luzerner Filmfesti-val PinkPanorama bereits am Vorabend an-lässlich der «Europan Film Awards Lucerne» inoziell erönet: Am Dienstag, 12. Novem-ber wird um 18.30 Uhr «Flee» gezeigt, ein animierter Dokumentarlm von Jonas Po-her Rasmussen. Sein Werk heimste beim Eu-ropäischen Filmpreis 2021 mehrere Preise ein: Es wurde als bester Dokumentarlm und bester Animationslm ausgezeichnet und erhielt auch den European University Film Award. Der Film dreht sich um die be-wegende Geschichte eines schwulen afgha-nischen Mannes, der unter Angabe falscher Tatsachen Asyl in Europa erhielt und sich in Dänemark erfolgreich ein neues Leben auf-bauen konnte. Im Anschluss spricht Marcy Goldberg, Filmhistorikerin und selbststän-dige Medienberaterin, zu den Entwicklun-gen und Schwerpunkten des «European Queer Cinema». Der ozielle Startschuss des PinkPa-norama erfolgt am Mittwoch, 13. November, um 18.30 Uhr traditionsgemäss mit dem Kurzlmprogramm, das berührt und über-rascht. Die Kurzlme, die beim Publikum besonders beliebt und oft rasch ausgebucht sind, erhalten diesmal noch mehr Raum, in-dem am Samstag, 16. November um 21.15 Uhr ein weiteres Kurzlmprogramm gezeigt wird - dann mit Fokus auf queere Lebensre-alitäten, die ohne Scheuklappen eingefan-gen werden. FleeDienstag, 12. November, 18.30 UhrAnimierter Dokumentarfilm«Flee», ein animierter Doku- mentarfilm von Jonas Poher Rasmussen heimste beim Euro-päischen Filmpreis 2021 mehrere Preise ein: Es wurde als bester Dokumentarfilm und bester Animationsfilm ausgezeichnet und erhielt auch den European University Film Award.Der offizielle Startschuss des PinkPanorama erfolgt traditions-gemäss mit dem Kurzfilmpro-gramm, das berührt und über-rascht. Bilder © ZVG

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23CRUISER NOVEMBER 2024KULTURQUEERES FILMFESTIVAL IN LUZERNDer erste Spiellm, der am diesjähri-gen PinkPanorama läuft, ist «Liuben» (Mitt-woch, 13. November, um 20.30 Uhr), eine Sommerromanze zwischen zwei jungen Männern aus unterschiedlichen Welten, die beide mit Vorurteilen und Ausgrenzung konfrontiert sind. Schweizer Premiere am PinkPanoramaMit «Der Wunsch» guriert am Donnerstag, 14. November, um 18.30 Uhr eine Schweizer Premiere im Programm: Die Regisseurin Judith Beuth hat über zehn Jahre hinweg ein Frauenpaar begleitet, das sich ein Kind wünscht. Ihr Werk, ausgezeichnet mit dem Max-Ophüls-Publikumspreis für den bes-ten Dokumentarlm, fügt der weit verbrei-teten Frage über das Kinderkriegen neue, erstaunliche Dimensionen hinzu.Den Festivalverantwortlichen ist es je-weils ein grosses Anliegen, bestimmte Wer-ke im Anschluss an das Screening zu vertie-fen. So wird die Regisseurin zusammen mit den beiden Protagonistinnen anwesend sein, um die dokumentierten Erfahrungen zu diskutieren und auch Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Auch der Doku-mentarlm «Baldiga – Entsichertes Herz», der am Freitag, 15. November, um 18.30 Uhr gezeigt wird und sich um den Künstler und Fotografen Jürgen Baldiga dreht, erfährt eine vertiefte Auseinandersetzung: Er, der seine Liebe zur Fotograe mit seiner HIV-Infektion 1984 entdeckte, fängt mit der Lin-se seine Freunde und Lover, wilden Sex, das Leben auf der Strasse und immer wieder die lustvollen Tunten des Schwulenclubs SchwuZ ein. Der Film zeichnet nach, wie Baldiga zwischen Verzweiung und Begeh-ren, Auehnung und unbändigem Überle-benswillen im Angesicht des nahen eigenen Todes zum Chronisten der West-Berliner Subkultur wurde. Mit einem Input-Referat aus kulturwis-senschaftlicher Perspektive und einem ➔ Der WunschDonnerstag, 14. November, 18.30 UhrEine Schweizer Premiere im ProgrammLiubenMittwoch, 13. November, 20.30 UhrSommerromanze zwischen zwei jungen Männern«Der Wunsch»: Die Regisseurin Judith Beuth hat über zehn Jahre hinweg ein Frauenpaar begleitet, das sich ein Kind wünscht.Bilder © ZVG

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24CRUISER SOMMER 2024KULTURQUEERES FILMFESTIVAL IN LUZERNANZEIGEcruiserbraucht dich!Abonniere uns!Meine Cruiser-Bestellung Jahresabo, Selbstkostenpreis: CHF 68.– Gönner*innen Jahresabo: CHF 250.–Einsenden an: Cruiser, Clausiusstrasse 42, 8006 Zürichwww.cruisermagazin.ch/aboDAS MAGAZIN FÜR DIE QUEERE LEBENSART10 AUSGABEN FÜR NUR CHF 68. Der Cruiser kommt in neutralem Umschlag direkt in deinen Briefkasten. Einfach Coupon ausfüllen und einschicken oder online bestellen unter www.cruisermagazin.ch/aboVorname | NameStrasse | Nr.PLZ | Ort E-MailUnterschrift«Baldiga - Entsichertes HerzFreitag, 15. November, 18.30 UhrVerzweiflung und Begehren, Auflehnung und unbändiger Überlebenswille Podiumsgespräch ausgeleuchtet wird «El Mártir», der nicht nur aufgrund seiner Länge (34 Minuten) aussergewöhnlich ist: Der Film dreht sich um die erotische Anziehung zur Jesus-Figur, in Verbindung mit einer maso-chistischen Neigung. Im Rahmen des Ge-sprächs, an welchem unter anderem der Re-gisseur Alejandro Mathé teilnimmt, wird das Gesehene in einen historischen Kontext ein-geordnet und auch die Frage verhandelt, wa-rum die Gewalt im Film in Verbindung mit Religion so präsent ist. «El Mártir» wird am Samstag, 16. November, um 16 Uhr gezeigt.Bilder © ZVG

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25CRUISER NOVEMBER 2024SERIEHOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATURcruiserbraucht dich!Abonniere uns!Meine Cruiser-Bestellung Jahresabo, Selbstkostenpreis: CHF 68.– Gönner*innen Jahresabo: CHF 250.–Einsenden an: Cruiser, Clausiusstrasse 42, 8006 Zürichwww.cruisermagazin.ch/aboDAS MAGAZIN FÜR DIE QUEERE LEBENSART10 AUSGABEN FÜR NUR CHF 68. Der Cruiser kommt in neutralem Umschlag direkt in deinen Briefkasten. Einfach Coupon ausfüllen und einschicken oder online bestellen unter www.cruisermagazin.ch/aboVorname | NameStrasse | Nr.PLZ | Ort E-MailUnterschrift«Baldiga - Entsichertes HerzFokus auf das gesamte queere Spektrum Bei der Filmauswahl lassen sich die Organisator*innen sowohl von der künstle-rischen Qualität leiten als auch vom An-spruch, das gesamte Spektrum queerer Identitäten abzubilden. Der Spiellm «Slow» (Samstag, 16. November, 13 Uhr) dreht sich um die Tänzerin Elena und den Gebärden-sprachendolmetscher Dovydas – ein Liebes-paar, das sich der Tatsache stellen muss, dass Dovydas asexuell ist. «Asexualität ist im Kino nach wie vor stark unterrepräsen-tiert. Da uns der Film zugleich in jeder Hin-sicht überzeugt hat, war es uns ein grosses Anliegen, dieses Werk einem breiten Publi-kum zugänglich zu machen», sagt Pascal Bolzern, der neue künstlerische Programm-leiter des Filmfestivals. Auch der Film «Mutt» (Donnerstag, 14. November, 21 Uhr), der seine Premiere beim Sundance Film Festival feierte, be-geisterte das Team des PinkPanoramas: Er zeichnet sich durch eine einfühlsame Dar-stellung des Koniktpotenzials einer Ge-schlechtstransition aus. Das Drama er-forscht in einer Zeitspanne von 24 Stunden mittels eindrücklicher Bilder die komplexe Gefühlswelt des jungen trans Mannes Feña.«Mutt» ist, wie auch «El Mártir», ein Erstlingswerk. Das PinkPanorama Filmfes-tival legt jeweils besonderen Wert darauf, vielversprechenden lmischen Newcomern eine Plattform zu geben. Mit «Todo el Silen-cio» (Freitag, 15. November, 21 Uhr) gu-riert ein weiteres Erstlingswerk im Pro-gramm: Das Drama dreht sich um das Paar Miriam und Lola. Während Lola gehörlos ist, zeichnet sich auch bei Miriam ab, dass sie ihr Gehör verlieren wird. Mit diesem Wissen beginnt für Miriam eine Achter-bahnfahrt der Gefühle und eine Suche nach Akzeptanz und Verständnis für ihren eige-nen Körper und ihre neue Lebensrealität. Weitere Filme im Programm sind «e Visi-tor» (Freitag, 15.November, 21.30 Uhr) von Bruce LaBruce, eine radikale, pornogra-sche Neuinterpretation von Pier Paolo Paso-linis Film «Teorema» aus dem Jahr 1968 - Ideen wie «Fuck the Patriarchy», «Fuck Gendernorms» oder «Eat the Rich» bekom-men auf eine künstlerische und experimen-telle Art eine neue Bedeutung. Am letzten Filmfestivaltag vom 16.November sind ne-ben den bereits hier vorgestellten Filmen «Slow» und «El Mártir» auch «Les Tortues El MártirSamstag, 16. November, 16 UhrErotische Anziehung zur Jesus-Figur, in Verbindung mit einer masochistischen NeigungMuttDonnerstag, 14. November, 21 UhrKomplexe Gefühlswelt eines jungen trans Mannes (18.30 Uhr) sowie «Chuck Cuck Baby» (20.45 Uhr) zu sehen. «Les Tortues» ist ein bewe-gender Film über die Freuden und Leiden eines Langzeit-Paares, während «Chuck Chuck Baby» als Feel-Good-Movie mit Mu-sical-Elementen überzeugt. Kreatives Rahmenprogramm Das PinkPanorama trumpft nicht nur in l-mischer Hinsicht auf, sondern ist auch ein wichtiger sozialer Trepunkt für die queere Community. In diesem Sinn hat das Organi-sationsteam wieder ein vielfältiges Rah-menprogramm auf die Beine gestellt – mit Programmpunkten, die in diesem Jahr be-sonders neugierig machen. Ob mit einem Salsa-Crashkurs, der Teilnehmende das Tanzen jenseits starrer Geschlechterrollen lehrt, ob spielerisch mit einem Bingo nach queerer Art: für Unterhaltung und lustige Momente jenseits der Leinwand ist gesorgt. Und wer sich insgeheim erhot, am Filmfes-tival neue Freundschaften schliessen zu können oder sogar die grosse Liebe zu n-den, kommt ebenfalls zum Zug: Das Slow Speed-Dating und die neu geschaene Figur des «PinkPanoramor» werden alles dafür tun, dem Zufall auf die Sprünge zu helfen.Wie immer endet das traditionsreiche Luzerner Festival mit einer rauschenden Partynacht, dieses Mal am Samstag, 16. No-vember, ab 23 Uhr unter dem Motto «Too much!». Das PinkPanorama trumpft nicht nur in filmischer Hinsicht auf, sondern ist auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt für die queere Community.PINKPANORAMA Das «23. PinkPanorama Filmfestival Luzern» findet vom 13. – 16. November 2024 im stattkino und Bourbaki am Löwenplatz in Luzern statt: www.pinkpanorama.chKULTURQUEERES FILMFESTIVAL IN LUZERNBilder © ZVG

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26CRUISER NOVEMBER 2024BUCHTIPPAlain Claude Sulzer: Fast wie ein Bruder. Galiani Berlin 2024.Preis CHF 34.90ISBN 978-3-86971-294-9VON BIRGIT KAWOHLAlain Claude Sulzer ist seit Langem nicht mehr aus der Schweizer Litera-turszene wegzudenken. Mit seinen Romanen «Ein perfekter Kellner» oder «Un-haltbare Zustände» hat er ein Millionen- publikum nicht nur erreicht, sondern auch begeistert. Sulzer gelingt es immer wieder, seinen Leser*innen nahezu alltägliche e-men so zu präsentieren, dass man genauer hinschaut. Im Herbst ist nun bei Galiani Berlin sein neuester Roman «Fast wie ein Bruder» erschienen. Dieser erzählt die Geschichte von zwei Jungen, die Wohnung an Wohnung aufwachsen und quasi wie Brüder füreinan-der sind. Zwar trennen sie zwei Wohnungs-türen, diese werden aber oft genug geönet, sodass ein Leben ohneeinander für sie nicht vorstellbar ist. Eines Tages kommt es aller-dings zu einem Eklat im Treppenhaus, denn einer der beiden hat einen Roma-Jungen aus dem Erdgeschoss in die Wohnung mitge-nommen und schnell ist klar, dass die beiden nicht nur Musik miteinander gehört haben. Hier zeichnet sich ein Bruch ab, der dadurch verstärkt wird, dass es Frank zur Kunst und dann bald als Künstler nach New York zieht. Dort ndet er nicht nur die grosse Freiheit für seine sexuellen Neigungen, der 1961 Gebore-ne trit dort wie viele seiner schwulen Zeit-genossen auch schicksalhaft auf die grosse Seuche des 20. Jahrhunderts: Aids.Sulzer erzählt aus der Perspektive des zurückgebliebenen, eine bürgerliche, wenn auch mediale Karriere gemachten Freun-des. Man erlebt die Phase der Entfremdung, weil der Ich-Erzähler überfordert ist von der Erkenntnis, dass sein Freund schwul ist, weil ihm zugleich dessen Lebensentwurf als (erfolgloser) Künstler fremd ist, weil plötzlich auch ein Ozean zwischen ihnen ist, der Ende des 20. Jahrhunderts kommu-nikativ noch schwer zu überwinden war.Erst als lange nach Franks Tod seine Gemälde auftauchen und auch noch in der Kunstszene gefeiert werden – so schlecht und erfolglos war Frank also oenbar gar nicht – begreift der mittlerweile etablierte Filmtech-niker, dass seine Reaktionen und sein Han-deln vielleicht nicht immer richtig waren und dass er seinen Freund vielleicht sogar verraten hat. Die Fremdheit, die er gegen-über seinem Freund gespürt hat, muss bei diesem als Ablehnung angekommen sein.Da man als Leser*in das Geschehen aus der Perspektive des Ich-Erzählers er-fährt, ist man zum einen ganz eng mit die-sem und dessen Gedanken verbunden. Dass dabei eventuell die Sichtweise z. B. von Frank oder auch von dessen Vater ein wenig verlo-rengehen ist aber kein Manko, denn im wah-ren Leben hat man ja auch erst mal nur die eigene Perspektive vor Augen. Im Gegenteil: So ist man gefühlt hautnah am Geschehen dran und hat manchmal das Gefühl selbst Teil der Erzählung zu sein. Man erlebt die Phase der Ent-fremdung, weil der Ich-Erzähler überfordert ist von der Erkennt-nis, dass sein Freund schwul ist, weil ihm zugleich dessen Le-bensentwurf als (erfolgloser) Künstler fremd ist, weil plötzlich auch ein Ozean zwischen ihnen ist, der Ende des 20. Jahrhun-derts kommunikativ noch schwer zu überwinden war.Zwei Jungs, die wie Brüder sind. Zwei Jungs, die sich aus den Augen verlieren. Zwei Jungs, von denen einer viel zu früh stirbt.«YOU, BROTHER!»KULTURBUCHTIPP

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RUBRIKENTITELRUBRIKENUNTERTITELIhre kompetente Stellenvermittlung im GesundheitswesenDanya Care GmbH vermittelt qualifizierte Arbeitskräfte: professionell, zuverlässig, schnell und exakt auf die Vakanz abgestimmt.Auch für Arbeitgeber*innen sind wir Vermittlungs- Spezialisten!Suchen Sie qualiziertes Pegefachpersonal für Ihr Team? Wir helfen Ihnen, die richtige Person für Ihre Vakanz zu nden.Sie sind eine ausgebildete Fachkraft im Pege- oder Medizinalbereich mit guten Arbeitszeugnissen; Sie geben uns Auskunft über Ihre Erwartungen an die neue Stelle, Ihre Qualikationen, Fähigkeiten, Aus- und Weiter- bildungen und persönliche Daten.Wir entwickeln basierend auf Ihren Angaben ein Bewerber*innenprol und formulieren Ihre Erwartungen bezüglich der gewünschten Arbeitsstelle.Wir prüfen aufgrund der Anfragen unserer Mandanten und in fachspezischen Netzwerken passende Stellenangebote.Für Stellensuchende ist unsere Dienstleistung kostenlos!Für eine erfolgreiche Stellenvermittlung!Kontaktieren Sie uns – es lohnt sich für Arbeit- gebende und Arbeitnehmende!Danya CareDanya Care GmbH, Buckhauserstrasse 36, 8048 Zürich info@danyacare.ch, www.danyacare.chCRUISER_Oktober_2024_alt.indd 20CRUISER_Oktober_2024_alt.indd 20 23.09.24 15:4623.09.24 15:46

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28CRUISER NOVEMBER 2024Toleranz, ein Wort, das uns ganz locker über die Lippen geht. Jeder von uns ist das schliesslich. Oder wie sieht es damit in der queeren Community aus?… dass jede*r so sein darf, wie er*sie willGESELLSCHAFT(IN-)TOLERANTE QUEERSVON BIRGIT KAWOHLIch will so bleiben, wie ich bin – du darfst!» Wer erinnert sich noch an diesen zum ei-nen sehr nachvollziehbaren, andererseits aber auch sehr selbstverständlichen Werbe-slogan vom Ende des letzten Jahrhunderts? Auch wenn es bei dem beworbenen Produkt um kalorienreduzierte Lebensmittel ging und die Dicken durchaus nicht so bleiben sollten, wie sie waren, lässt sich die Grund-aussage eigentlich auf jeden Lebensbereich übertragen. Dass es sich trotzdem dabei oft-mals nur um einen frommen Wunsch han-delt, zeigen Initiativen, die Fatshaming re-duzieren wollen (ganz abschaen wird es sich wohl nie lassen), andererseits aber auch die selbst im Jahr 2024 noch existierenden Vorurteile und Anfeindungen, denen sich Queers ausgesetzt fühlen. Nadia Brönimann hat im letzten Crui-ser sehr eindrücklich darüber berichtet, welche Wellen des Unverständnisses und gar des Hasses ihr nach ihrem zweiten Outing entgegenschlagen. Und das durchaus nicht aus der vorhersehbaren SVP- oder klerikalen Ecke, hier ist man ja quasi schon darauf vor-bereitet. Nein, die Anfeindungen kommen zu weiten Teilen aus der trans Community, die sich oensichtlich durch Nadias Schritt extrem verletzt fühlt. Dabei möchte sie doch nur in Recht auf Selbstbestimmung nutzen. Bilder © Adobe Stock / Shutterstock

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29CRUISER NOVEMBER 2024GESELLSCHAFT(IN-)TOLERANTE QUEERSEin weiteres Beispiel: Ein nicht mehr ganz so lauer Herbstabend in Zürich City, der den nahenden Winter zwar spüren lässt, was aber viele noch zu ignorieren suchen. Die Menschen tummeln sich auf den Stras- sen, geniessen die letzten Sonnenstrahlen, im Kreis fünf sitzen viele nach einem mal mehr, mal weniger anstrengenden oder er-folgreichen Arbeitstag bei einem Apérol, ei-ner Stange oder – je nach Gusto - einem Es-presso in einer Bar. Plötzlich geht ein Raunen, vielleicht ist es auch eher ein Grun-zen, durch die Anwesenden (bisher über-wiegend Männer). Da wagen es doch tat-sächlich zwei Frauen, sich per Kuss auf den Mund zu begrüssen und sich dann auch noch verliebt anzuschauen. Pfui! Beim ge-naueren Hinsehen wird schnell klar, dass es sich bei den Aufgeregten zu einem nicht un-beträchtlichen Teil um Männer, die mit Männern schlafen, handelt. Also Schwule, die sich über Lesben mokieren? Da läuft doch irgendwie etwas mächtig falsch. Wie sieht das denn nun aus mit der Toleranz (per Denition der Achtung und Duldung ge-genüber anderen Auassungen, Meinungen und Einstellungen) in der LGBT*-Commu-nity? Nicht nur, dass man schnell angefein-det wird, sollte man mal auf den mittlerwei-le obligatorischen * verzichten, über den es jetzt sogar in Zürich zu einer hart um-kämpften Abstimmung kommt (siehe dazu den Artikel von Haymo Empl auf Seite 28). Oder wenn einem bei der Benennung von trans Menschen oder Genderuiden nicht auf Anhieb gelingt, die Pronomenwünsche korrekt durchzuhalten. Jede*r möchte in seinem*ihren An-derssein schon ausreichend wahrgenom-men und gewürdigt werden, aber bitte nur so weit, als dass man dann letztendlich kei-ne Nachteile davon hat und sich selbst mög-lichst wenig anstrengen muss. Darum scheint es doch irgendwie immer zu gehen: Man will als einzigartig angesehen werden, bei voller Akzeptanz und ohne jegliche Ein-schränkung. Da funken den Schwulen die Lesben natürlich mächtig ins Konzept. Schliesslich sind sie trotz allem immer noch die Männer und somit das starke Ge-schlecht, was sie wiederum subito zu den unangefochtenen Platzhirschen macht.Anfeindungen gegenüber Homo-sexuellenJetzt kommt natürlich – teilweise nicht ganz unberechtigt – der Einwand, Schwule seien im Allgemeinen viel mehr Anfeindungen ausgesetzt als Lesben. Das bestätigen Studi-en, die sich mit Diskriminierung, Beleidi-gungen oder Angrien gegenüber Lesben und Schwulen befassen. Dabei fand man u.a. heraus, dass 55 % der Schwulen Beleidi-gungen im Alltag bestätigen, während dies dass Lesben oftmals nicht wahrgenommen werden, weil sie quasi die Steigerung der Nicht-Gleichberechtigung von Frauen sind. Frauen treten in der Öentlichkeit auch im Jahr 2017 immer noch weniger und vor al-lem weniger kompetent in Erscheinung. Das zeigt sich z. B. daran, dass männliche Politi-ker oder Wissenschaftler meist nur mit ih-rem Nachnamen benannt werden, bei Frau-en hingegen wird in 90 % der Fälle der Vorname mitgenannt. Oenbar ist es so, dass man Frauen in solchen Bereichen eine sichtbare Erscheinung nicht zutraut. Auch Lesben werden eben sowohl in der Gesell-schaft als auch in der Literatur viel weniger als ihre männlichen Pendants thematisiert. Wenn sich Lesben darüber empören, wer-den sie – meistens von Schwulen – hart an-gegangen, sie sollten sich nicht beschweren, dass sie, anders als Schwule, nicht dauernd in der Kritik stünden. Zudem hätten sie sel-ten so unter staatlicher Verfolgung gestan-den wie Schwule. Verfolgung in der VergangenheitGerne werden hierzu dann historische Beispiele ins Feld geführt, zum Beispiel die Verfolgung von Schwulen zur Zeit der Nati-onalsozialisten in Deutschland, ihre Inter-nierung in Konzentrationslager und die entwürdigende Behandlung dort, angefan-gen von der Kennzeichnung per rosa Winkel bis hin zur brutalen Ermordung. Sicher, das ist nicht zu leugnen und diese Behandlung war eine Schande. Doch muss man die Hin-tergründe berücksichtigen: Warum verfolg-ten die Nazis Schwule, liessen Lesben aber weitgehend in Ruhe? Da wäre zum Beispiel die latente Angst der nationalsozialisti-schen Führungsriege, sich ihrer eigenen se-xuellen Orientierung stellen zu müssen, an-zuführen. Oder auch der vermeintliche «Nutzen für den Volkskörper», ein enorm wichtiger und perverser Aspekt der damali-gen Staatsideologie. So «diente» die lesbi-sche Bürgerin dem Staat weiterhin bestens, indem sie klaglos alle Missstände ertrug. Vielfach entstanden Lieben und Beziehun-gen zwischen Frauen zunächst eher zu- ➔ nur 26 % der Lesben tun. Bei körperlichen Angrien gehen die Zahlen sogar noch wei-ter auseinander mit 26 % (Schwule) gegen-über 2 % (Lesben) Warum ist das so?Aber: Zum einen gibt es dafür viel-leicht den ganz banalen Grund, dass Frauen Beleidigungen und körperliche Gewalt per se mehr gewohnt sind und diese darum nicht so stark wahrnehmen, wie es Männer tun. Wer es von klein auf gewohnt ist, dass die Mutter vom Vater als «blöde Schlampe» tituliert wird und ab und an eine Ohrfeige empfängt, ndet das irgendwann normal. Aber das alleine kann diese grossen Unter-schiede wohl kaum erklären. Zum Beleidigtwerden und Angegrif-fenwerden muss man zunächst einmal wahrgenommen werden. Sicher ist aber, Männliche Politiker oder Wis-senschaftler möchten meist nur mit ihrem Nachnamen benannt werden, bei Frauen wird hinge-gen in 90 % der Fälle der Vor- name mitgenannt. Man will als einzigartig ange- sehen werden, bei voller Akzep-tanz und ohne jegliche Ein-schränkung. Da funken den Schwulen die Lesben natürlich mächtig ins Konzept.

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30CRUISER NOVEMBER 202430GESELLSCHAFT(IN-)TOLERANTE QUEERSfällig als eine Art Notgemeinschaft, ohne direkte sexuelle Absichten. Vielen Frauen, ausser vielleicht den im obskuren Berlin le-benden, waren homoerotische Verhältnisse unter Frauen bis zum Kriegsausbruch weit-gehend unbekannt. Man tat sich zusammen und dann wurde mehr daraus. Da Frauen in ihren Freundschaften sowieso häug sehr gefühlvoll und körperlich agieren, ist der Übergang zwischen einfacher Freundschaft und homoerotischer Liebe iessend und eine Grenze nur schwierig zu ziehen. Dem schwulen Mann hingegen traute der Staat Volkszersetzung zu, man sah ihn mastur-bierend und kopulierend durch die Lager an der Front ziehen, sich aus rein sexuellen Gründen mit dem Feind vereinen und damit zum Verlust des Krieges beitragen. Wohlge-merkt: Wir haben hier das Ausleben von Vor-urteilen mit höchster staatlicher Legitimie-rung vorliegen, immer zu dem Zweck, Deutschland gross zu machen. Ebenso wie die Frauen während des Nationalsozialismus, einer Zeit des lupenrei-nen Patriarchats, viel weniger wahrgenom-men wurden als die Männer, sind sie auch heute häug noch weniger sichtbar und wer-den darum manchmal weniger kritisiert. Angeblich hat die Kritik gegenüber Homose-xuellen heutzutage sowieso stark abgenom-men. (Ob das der oder die Einzelne dann so erlebt, ist eine andere Sache.) Die Werte hier-zu werden regelmässig ermittelt und eine der neuesten Statistiken oenbart, dass sich die Toleranz gegenüber Queers in 111 Ländern verbessert hat. Sie stieg weltweit von rund 25 % im Jahr 2009 auf rund 33 % in 2019. Da-bei belegt Island Rang 1 (92 % Toleranz) vor den Niederlanden und Norwegen (90 %), auf den letzten Plätzen nden sich Somalia und Tadschikistan (1 %). Oenbar ist sogar neuer-dings Bisexualität die diskriminierte Sexual-form, wie der bisexuelle Underground-Artist Envie Koepke vor Kurzem in einem Inter-view darstellte. (Mit Bisexualität beschäfti-gen wir uns in dieser Cruiser-Ausgabe auf Seite 12.)Lesben sind enttäuschte HeterasDamit wird auch klar, warum Schwule Les-ben, die sich öentlich als solche zu erken-nen geben, nicht leiden können oder Bisexu-elle zu den Diskriminierten gehören: Schwule stellen sich – vollkommen gender-konform – über Frauen und kritisieren sie. Bisexuelle sind dabei diejenigen, die sich nicht entscheiden können. Der pure Wankel-mut. Beide (Lesben und Bisexuelle) wurden wahrscheinlich von Männern enttäuscht und müssen jetzt eigentlich nur wieder den richtigen Mann kennenlernen. ➔Die Werte hierzu werden regel-mässig ermittelt und eine der neuesten Statistiken offenbart, dass sich die Toleranz gegen-über Queers in 111 Ländern ver-bessert hat. Sie stieg weltweit von rund 25 % im Jahr 2009 auf rund 33 % in 2019. Fähnchen schwenkend, Stirnband tragend: So stellt man sich die Haltung in Bezug auf Queers vor. Die Realität – auch im Umgang untereinander – sieht hingegen oft ganz anders aus.Bilder © Firefly / Adobe Stock

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finestsake.chSie suchen das perfekte Geschenk mit Wow-Effekt? Wiewäre es mit edlem japanischen Sake? Unsere exklusive Auswahl, sorgfältig zusammengestelltvon einem der wenigen Meistersommeliers der Schweiz, bietet Ihnen echte Raritäten – einzigartig in Europa und ein Highlight für jeden Geniesser.MMaatttthhiieeuu ZZeellllwweeggeerrMaster Sake Sommelier SSA079 365 6261 – matthieu@finestsake.chmaster-sake-sommelier.ch

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32CRUISER NOVEMBER 2024GESELLSCHAFT(IN-)TOLERANTE QUEERS3232Dass Schwule schwul aufgrund einer Enttäuschung sind, hört man hingegen nie. Es würde ja auch am Mann als Mass aller Dinge Zweifel äussern. Das geht nun wirk-lich nicht. Deswegen fällt es Schwulen so leicht, sich über Lesben zu beschweren.Kann es vielleicht zudem ein klein we-nig Neid sein, der in dem ganzen Beschimp-fen von Lesben seinen Ausbruch ndet? Aus Sicht der Schwulen haben es Lesben näm-lich denitiv besser, wenn es zum Beispiel darum geht, ein Kind zu bekommen. Sie ha-ben die Gebärmutter ja per Natur mit an Bord. So weit die biologische Korrektheit. Aber: Ohne Mann und sein Sperma geht es trotzdem nicht. Und zwar ein Mann, mit dem man Sex hat – wir lassen jetzt mal Ide-en von eingeführten Spermien-Raketen und In-vitro-Fertilisationen aussen vor. «Kein Problem», sagt der schwule Mann, «einmal Sex mit so einem gottgleichen Ge-schöpf wie mir. Ausser, sie zieht sich weiter-hin so an, dann will die natürlich keiner.» Oh doch, lieber Fast-Gott, für Lesben ist das sehr wohl ein Problem, mit einem Mann zu schlafen, sie haben nämlich Sex mit Frauen, weil sie diesen nicht mit Män-nern haben wollen. Das ist ungefähr so, als wenn ein Muslim doch nur diese eine Cerve-lat essen sollte oder ein Veganer dieses eine Glas Milch trinken. Und übrigens braucht es statistisch gesehen auch mehr als einen Bei-schlaf, um schwanger zu werden. In Anbe-tracht dessen ist es für lesbische Frauen ebenso schwierig wie für schwule Männer, ein Kind zu bekommen.Blicken wir auf die AufklärungInteressant ist, dass heute immer schnell ge-jammert wird, statt sich an Aussagen zu er-innern, die zwar jahrhundertealt sind, trotz-dem aber nicht an Gültigkeit verloren haben. So formulierte Immanuel Kant vor ca. 250 Jahren die damals längst notwendige und dennoch bahnbrechende Erkenntnis, Auf-klärung – und diese wird verstanden als Grundlage jeglicher Toleranz – sei «der Aus-gang des Menschen aus seiner selbst ver-schuldeten Unmündigkeit». Wir sind heute trotzdem immer noch ganz selbstverständ-lich in Klischees und Vorurteilen verfangen, ohne uns, wie ebenfalls von Kant gefordert, «unseres eigenen Verstandes zu bedienen». Warum wird das Outing eines schwulen Po-litikers oder eines schwulen Fussballers von allen Seiten so gefeiert? Ist das nicht gerade erst recht diskriminierend, impliziert man damit doch, dass Schwule eigentlich von Politik keine Ahnung haben und sicher bis-her nicht einmal wussten, dass ein Ball rund ist. Umgekehrt ist es so, dass man allen fuss-ballspielenden Frauen nachsagt, sie seien (zumindest latent) lesbisch, obwohl es unter diesen auch zahlreiche Mütter und glück- liche Ehefrauen gibt.Warum gesteht man in der Community einer Person zu, ihr Geschlecht zu ändern. Will sie dies aber rückgängig machen, muss sie durch die Hölle gehen.Je mehr man darüber nachdenkt, umso deutlicher wird, egal welcher «Randgruppe» ein Mensch angehört, er braucht immer je-manden, auf den er wiederum herunterbli-cken kann, sonst kann er – vermeintlich – nicht glücklich werden. Deswegen werden die – einigermassen – Schlanken weiterhin verächtlich auf Dicke herabschauen, deswe-gen haben Pleiten-, Pech- und Pannen- Videos auf YouTube ungebremste Hochkon-junktur und deswegen tun sich auf Queers mit Toleranz innerhalb der Community schwer.Diese Haltung ist – das muss hier nochmals klar gesagt werden – pervers, denn sie nutzt den Falschen. Wenn die LGBT*-Gemeinschaft gleiche Rechte und Anerkennung fordert, wie kann sie das glaubwürdig tun, wenn sich die einzelnen Teilgruppen nicht grün sind? Wenn Lesben über Männer im Kosmetikstudio grinsen, wenn Schwule über Frauen in Military- hosen hetzen und alle gemeinsam nden, bi gehe nun mal gar nicht, entscheiden müsse man sich schon. Vielleicht sollte jeder ein-fach mal seine eigene Toleranzskala che-cken und eventuell neu justieren. Damit wäre ein Anfang gemacht. Die intolerante Haltung in der (queeren) Gesellschaft führt immer noch viel zu häufig zum Schweigen und Verstecken.Und übrigens braucht es statis-tisch gesehen auch mehr als einen Beischlaf, um schwanger zu werden. In Anbetracht dessen ist es für lesbische Frauen eben-so schwierig wie für schwule Männer, ein Kind zu bekommen.Ist das nicht gerade erst recht diskriminierend, impliziert man damit doch, dass Schwule eigentlich von Politik keine Ahnung haben und sicher bisher nicht einmal wussten, dass ein Ball rund ist.Wenn die LGBT*-Gemeinschaft gleiche Rechte und Anerken-nung fordert, wie kann sie das glaubwürdig tun, wenn sich die einzelnen Teilgruppen nicht grün sind? Bild © Fotalia

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CRUISER NOVEMBER 2024KULTURKURZTIPP BUCH33BUCHTIPPMargot Douaihy: Verbrannte Gnade. Verlag Blumenbar 2024.Preis CHF 33.90 ISBN 978-3-351-05128-7Ordensbrüder und -schwestern hat es im Krimigenre durchaus schon gegeben. Aber queer waren sie meist nicht. Schwester Holiday setzt hier einen Meilenstein.«Wenn Strafe hetero ist, ist Vergebung queer»VON BIRGIT KAWOHLDie Älteren (hmm, eigentlich die Al-ten) unter uns erinnern sich viel-leicht noch an die TV-Serie «Ein ge-segnetes Team», in der es Pfarrer Dowling mit Unterstützung von dem ehemaligen Strassenkind Schwester Stephanie mit di-versen Verbrecher*innen aufnimmt. Sie ist nur ein Beispiel für recherchierende Non-nen und Mönche, die allerdings bei aller ver-meintlichen Modernität doch immer recht klassisch-konservativ daherkamen.Die US-Amerikanerin Margot Douaihy hat nun mit Schwester Holiday, die in New Orleans auf die Pirsch geht, eine eher aus- sergewöhnliche Ordensfrau kreiert. Holi ist queer, sie requiriert von ihren Schüler*innen Tabak und sonstige Dinge, die sie braucht, aber laut Ordensregeln nicht besitzen darf, und sie legt sich gerne mit Leuten an, die nicht so ticken, wie sie es sich wünscht. In ihrem ersten Fall – geplant ist eine Reihe von Kriminalromanen – geht es um einen Brand in ihrer Schule mit Todesfolgen. Klar, dass die Polizei nicht gründlich genug ermittelt, aber Holiday kommt allem Ungemach auf die Spur.Der Fall ist vielleicht nicht unbedingt der spannendste und kreativste, aber das Ambiente und die so angenehm durchge-knallte Ermittlerin machen viel Spass beim Lesen und lassen einen neuen und vielleicht auch moderneren Blick auf heutiges spiritu-elles Leben zu. ANZEIGESchreinerstrasse 44 | 8004 Zürich | Telefon 044 291 39 90 | www.haargenau.chDeine fabelhafte LGBT*-friendly Hairstylistin freut sich auf deinen Besuch.

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34CRUISER SOMMER 2024RUBRIKENTITELRUBRIKENUNTERTITEL34In Gay-Chats ist es möglich, den eigenen Status mit Bezeich-nungen wie TasP, PrEP, negativ, usw. anzugeben. Ich bin HIV-positiv, unter der Nachweisbar-keitsgrenze und deshalb unsi-cher, was ich angeben soll. Eigentlich bin ich ja so gut wie HIV-negativ. Darf ich mich z.B. als PrEP-User oder HIV- negativ ausgeben? Tobias (29)Hallo Tobias Als HIV-positive Person unter erfolgreicher erapie bist du nicht HIV-negativ. Du bist immer noch HIV-positiv, jedoch ist die An-zahl der HI-Viren in deinem Körper durch die Medikamente so sehr reduziert, dass sie nicht mehr nachgewiesen werden kann. Weil die Anzahl der HI-Viren so minim ist, kön-nen diese deinem Körper nicht schaden und sie können beim Sex auch nicht übertragen werden. Denn dafür wäre eine gewisse An-zahl an HI-Viren nötig. HIV ist aber trotzdem noch da. Bezeichnungen dafür sind «unde-tectable» oder TasP, was für «Treatment as Prevention» steht. Übersetzt heisst das sinn-gemäss «Schutz durch Behandlung». Durch TasP schützt du eine HIV-negative Person beim Sex vor HIV. Mehr dazu ndest du hier: https://drgay.ch/safer-sex/vorbeugen/unde-tectable. Die PrEP (Präexpositionsprophyla-xe) hingegen ist ein Medikament, welches richtig eingenommen HIV-negative Perso-nen vor einer HIV-Infektion schützt. Details zur PrEP kannst du hier nachlesen: drgay.ch/prep. Manchmal geben HIV-positive Perso-nen unter TasP an, sie nehmen PrEP oder sei-en HIV-negativ, um sich nicht zu outen. Das ist zwar gelogen und faktisch falsch, hier aber eigentlich irrelevant. Das Wesentliche ist, dass beim Analverkehr niemand mit HIV angesteckt wird. Als HIV-positive Person un-ter erfolgreicher erapie bist du auch recht-lich nicht verpichtet, deinen HIV-Status of-fenzulegen, weil selbst bei Sex ohne Kondom keine HIV-Übertragung stattnden kann.Alles Gute, Dr. Gay drgay.ch drgay_official @drgay_officialBei Dr. Gay ndest du alles rund um das Leben in der Community: Sexualität, Beziehungen, Drogen und mehr. Dr. Gay ist ein Angebot der Aids-Hilfe Schweiz und fördert die Gesundheit von schwulen, bi & queeren Männern, sowie trans Personen durch Präventionsarbeit mit der Community.Mehr Infos zum Thema «Reden wir über uns» gibt es hier:Wie kann ich mehr und weiter abspritzen? Nils (28)Hallo Nils Viele Männer wünschen sich, möglichst viel und weit abzuspritzen, weil damit ein beson-ders intensiver Orgasmus und Potenz assozi-iert wird. In der Realität stimmt das nicht so ganz. Trotzdem kann viel und weit absprit-zen für alle Beteiligten sehr geil sein. Wie viel und wie weit ein Mann spritzt, ist in erster Linie von seinem Körper bzw. der Veranla-gung abhängig. Männer mit viel Spermapro-duktion und einer dünnen Harnröhre ten-dieren dazu, weiter zu spritzen. Im Rahmen der anatomischen Möglichkeiten gibt es aber auch Techniken, um weiter abzuspritzen. Grundsätzlich ist es so: Je geiler du bist, desto weiter spritzt du. Du kannst die Geilheit stei-gern, indem du für eine Zeit enthaltsam bist. Oder du kannst den Orgasmus immer wieder hinauszögern, z.B. durch Edging. Dabei stoppst du immer kurz vor dem Orgasmus und «sparst» ihn dir für einen späteren, bombastischeren Moment auf. Auch das Massieren der Prostata bis zum und wäh-rend des Orgasmus kann dazu führen, dass du mehr und weiter spritzt. Diese Techniken setzen einiges an Geschick voraus. Schluss-endlich liegt es aber an dir selbst herauszu-nden, was dich besonders geil macht. Wenn du deine Vorlieben selber noch nicht so richtig kennst, sei neugierig und probiere Sachen aus. Inspiration ndest du unter drgay.ch/inspiration. Ich wünsche dir viel Spass dabei! Alles Gute, Dr. Gay34RATGEBERDR. GAYCRUISER NOVEMBER 2024

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35RUBRIKENTITELRUBRIKENUNTERTITEL drgay.ch drgay_official @drgay_officialMehr Infos zum Thema «Reden wir über uns» gibt es hier:

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EILI PEREZEIN FIL VONJCQUES UDIRDZOESALDÑSELENGOMEZKRL SOFI GSCONBEST ACTRESS AWARDJURY PRIZEAB 21. NOVEMBER IM KINOWHY NOT PRODUCTIONS, PAGE 114 UND SAINT LAURENT PRODUCTIONS BY ANTHONY VACCARELLO PRÄSENTIERENCOPYRIGHT PHOTO: © SHANNA BESSON «EIN FILM WIE KEIN ANDERER.»NEW YORK TIMES